0082

Sie sehen die Welt als die Summe aller Ansichten und aller Werte, denn jeder sieht einen Wert ein wenig anders.
Ihr seht die Welt als einfach zu begreifen, solange sie euch jemand erklärt.
Wir sehen die Welt als Spiegel dessen, wer wir sind.
Es sieht die Welt als Abfolge von Ereignissen und nicht mehr.
Sie sieht die Welt als viel weniger schön, als sie sich sie vorstellen kann.
Er sieht die Welt als Ende seiner Kindheit.
Du siehst die Welt und wendest den Blick von ihr ab und erkennst stattdessen dich selbst.
Ich sehe keine Welt.

0081

Ein guter Freund von mir schwärmte oft und ab und an und mittlerweile gar nicht mehr, so wenig sogar, dass ich nicht mehr weiß, ob Freund noch ein Wort ist, dessen Bedeutung sich mir erschließt, von Gedankenpalästen und Schlössern der Erinnerung.
Erst jetzt, nach einem hoffnungsvollen Drittel meines Lebens (und den Gedanken erstickend, Hälfte des Lebens sei ehrlicher gesprochen) sehe ich für mich selbst Gründe hierfür bei mir selbst. Ich vermutete schon seit ein paar Jahren, dass unser Gehirn topografisch Wissen speichert, und dass das Abstrakte sich zum Nachdenken, nicht zum Merken eignet. Und nun denke ich über mein Hexenhaus nach und frage mich, ob es in meiner Erinnerung als Erinnerungsgebäude angemessen ist. Und ich erkenne, dass hier die Scham aus mir spricht. Es ist mein Hexenhaus. Natürlich ist es angemessen. Irgendwo fängt ein jeder an.
Wenn ich also zum Ofen gehe, um ihn zu entzünden, dann lese ich den Aufdruck des Ölofenanzünders, und weiß, dass nach Frutiger Buchstaben tiefer in unserem Unterbewusstsein verankert sind, als andere Zeichen, die teilweise offen, teilweise geschlossen sind. Der Funke schlägt durch meiner Finger Handlung, und ich begreife, dass Wahrnehmung aktiv ist, ein ordnendes Prinzip, welches die Flamme in den Brennpunkt meiner Aufmerksamkeit legt, wie nach Timothy Wilson, 2001, nur 40 Bits von 11.000.000 Bits meiner Wahrnehmung durch meine fünf Sinne sich in meinem Bewusstsein befinden, 10.999.960 Bits hingegen unbewusst bearbeitet und ausgewertet werden, um mir zu ermöglichen, den Deckel des Ofens zu öffnen, noch ehe ich ihn bewusst angeschaut habe. Ich glaube, ich schreibe ihm. Vielleicht über Gedankenpaläste reden?

0079

Keine zwei Seelen in meiner Brust,
nicht zwei Wölfe in der Taiga meines Herzens,
kein perfekter Engel, der eine perfekte Maschine bedient,
keine Seele und ein Leib,
kein Fleisch und auch ein Geist,
ich bin Mensch, ich bin ein Ganzes.

Ich bin ein Mensch, Brust und Seele,
nicht vereint, sondern ohne Unterschied, der andere Wolf nur eine Scheuche mit verwesenden Gaben meiner Jugend, bin nicht gespalten zwischen Perfektionen, bin selbst vollständig und vollendet, bin Mensch, behause mich selbst, bin Garten, Gärtner, Zaun und Blumen, bin Wurm, bin Kompost, bin Erde, Stein und Harke, bin Schaukelstuhl, in dem ich liege und in mir selbst blättere, während ich mich selbst umschreibe.

Ich bin Mensch, bin mehr als die Summe meiner Teile, aber das habe ich damit schon gesagt. Über mir trohne ich. Ich bin dieses Mehr, denn ich bin Mensch.

0078

Als er seinen eigenen Namen in dem Abspann der Folge sah, wusste er, dass es Hoffnung gab. Auch wenn diese Hoffnung nur darin bestand, dass er weiterlebte, während seine Schwester und ihr Ehemann unter der Erde lagen. Er dachte über seine Kinder nach, die schon nicht mehr nach ihrer Tante fragten, nicht mehr danach fragten, wann ihr Onkel mit den lustigen Haaren wieder mit ihnen spielen würde. Als er den Fernseher ausschaltete, beobachtete er sich selbst, gespiegelt durch die matte Fläche des Fernsehers. Er wirkte verschwommen. Während der Ruhm und böse Menschen seine kleine Familie noch kleiner gemacht hatten, fand er einen kleinen Ruhm darin, an etwas zu arbeiten, in dem böse Menschen starben. Er erzählte später seiner Frau, nachdem sie beide nach den Kindern geschaut hatten, dass er nicht weiß, ob eine Welt, in der der Tod niemanden oder doch nur die Bösen ereilt, die Welt ist, die er lieber ihren Kindern hinterlassen würde. Seine Frau schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals, wie in vielen Nächten zuvor, seit seine Schwester tot aufgefunden worden war. Er fühlte durch das Gewicht auf ihm seinen eigenen Herzschlag ganz deutlich, so deutlich, dass er bald nichts mehr anderes wahrnahm. Ein Herzschlag für die Ewigkeit, die Melodie des Lebens. Während er einschlief, weinte seine Frau in der Stille der Welt, die sie beide umgab.

0077

Ich hatte ein Vesperbrett und auf diesem Brett lebte ein kleiner, sitzender Hund. Ich schaute danach, dass kein Essen einfach plump auf ihn drauffiel, weil ich das auch nicht mögen würde. Ich ging nicht an die Grenzen, sondern bewahrte einen Abstand zu diesem kleinen Hund. Wäre einer von uns ein König gewesen, nichts hätte sich an meinem Verhalten geändert.

0076

Ich träume von Türen, die sich in ausladende Räume unter Dächern hineinöffnen. Ich träume von verborgenen Räumen unter bekannten Räumen, zu denen keine Tür führt, in denen ich dann bin.
Während ich wach bin, kann ich es nicht mehr ab, von Gesichtern angestarrt zu werden, die von mir Handlungen zu fordern scheinen.

Und wie im Wachen, so auch im Schlaf, verzehre ich mich nach dem Wort und der Wand, fernab und unerreichbar.
So fernab und unerreichbar wie ich, so fernab und unerreichbar für mich.