Die TOW

Die ersten Nachrichten, die wir erhielten, waren zutiefst menschlich. Sich wiederholende Bilder von betenden Menschen, von Menschen in religiösen Ritualen, vermischt mit Bildern von Boxkämpfen, Duellen aller Art, begleitet von Posaunen und Fanfaren, Jubelgeschrei: eine Kakophonie, die in ihrer Art aufregend war, sowohl visuell, als auch vom Aufbau her. Wie gesagt, zutiefst menschlich.

Es ging, wider Erwarten, kein Schock um die Welt, als klar wurde, dass diese Aufreißer aus dem All nicht ein Scherz einer außer Kontrolle geratenen Werbeindustrie waren. Auch die Anhänger der Neuen Weltordnung waren zu großen Teilen eher perplex, als dass ihnen Sachen wie Regierungssatelliten, Gehirnwäsche oder das Ende der Welt durch den Kopf gingen, oder was auch immer diese ganz besonderen Orgonschnüffler sonst ins Äthernetz pusteten.

Nein, eigentlich war die Reaktion auf die Kontaktaufnahme durch eine außerirdische Intelligenz eine Art gelähmter Verwirrung, ähnlich der, die Fotografen bei ihren Motiven absichtlich verursachen und suchen. Der Grundton war, dass diese erste Nachricht einfach so aussah, wie von Menschen gemacht. Eine gewisse Enttäuschung kann man also uns Erdenwesen nicht verübeln: selbst unsere Fiktionen zum ersten Kontakt waren durch die Bank weg scheinbar abgedrehter, als die Wirklichkeit, die sich uns damals anbot.

Aber das war nur auf den ersten Blick. Es ging um ein Event, und anscheinend war das auch etwas, das uns interessieren sollte, auch wenn sich uns der schlichte Zusammenhang nicht sofort erschloss. Was diese Transoortschen Wesen wollten, denn außer ihren Maschinen und dem, was sie mitgebracht hatten, waren wir außer Stande auch nur irgendetwas über ihre Formen oder Gestalten zu erfahren; außer natürlich diese wolkenkratzerhohen schimmernden Brocken aus schmutzigem Eis waren diese Außerirdischen selbst. Nein, hier ging es nicht um eine Kontaktaufnahme zwischen vernunftbegabten Wesen, sondern um ein Duell zwischen ihrem Gott und unserem.

Und ihren Gott hatten sie gleich mitgebracht: eine Kreatur, die aus nichts anderem zu bestehen schien, als aus geometrischen Knoten, die sich durcheinander bewegten, so als ob titanische Schlangenleiber sich immer fester um etwas Hilfloses in ihrem Inneren schlossen.

Die kommenden Wochen hindurch wich unsere anfängliche Lähmung einem Entsetzen, das sich durch die Gespräche zwischen unseren begabtesten Xenowissenschaftlern und, wie es scheint, ihrem Public Relations-team in den Nihilismus steigerte: sie sind hierhergekommen, weil wir einen Gott hatten, und weil, wie sie uns in packenden Videos zeigten, Götter in relativer Nachbarschaft zu einander die Tendenz hatten, ihre Lakaien und Geschöpfe aufeinander zu hetzen, war es weiser die Götter es austragen zu lassen.

Diese Götterhaltung wurde auch von ihrem kosmischen Schreckgespenst geteilt; dass es, dieser Gott, mit dem bloßen Auge so sichtbar war wie der Mond, tat sein Übriges. Vorbei waren die diffusen Ängste davor, dass es im Himmel Augen gibt, die uns beobachten und über uns richten, denn diese Augen waren so klar erkennbar, wie der volle Mond. Das Ding war schlichtweg riesig.

Dass es anscheinend, laut unserer Telewahrnehmung, weder Masse hatte, noch Strahlung abzugeben schien, setzte vielen Menschen ganz gehörig zu: glaubten sie an den falschen Gott? War das der wahre Gott? Wo war Gott? Ist das Gott? Wir bemerkten, wie verankert Religionen und der Glaube an höhere Mächte in unseren Kulturen waren, aber für diese Emergenz unserer Geschichte hatten wir keine Zeit. Sie und es waren hier, und wir standen mit leeren Händen vor ihnen.

Hatten wir denn keinen Gott? Das war die Frage, die letzten Endes von ihnen gestellt wurde. Was geschehen war, lässt sich ungefähr so beschreiben, zumindest waren das die Erklärungen, mit denen sie uns dann alleine ließen:

Jede Zivilisation, die die zufälligen Katastrophen des Weltalls auf Dauer überleben wollte, musste sich, nachdem sie alle primordialen Fressfeinde aus ihrem Utopia gelöscht hatten, nach einem Schutz umschauen, der zu gleichen Teilen Herrscher, wie auch Diener dieser Zivilisation war. Wortwörtlich eine Art himmlischer Elter, der einen beschützt, wie auch Gefahren bannt. Diese Götter waren völlig selbstversorgend und unabhängig von der Zivilisation, da sie nicht planetar existierten, sondern zwischen den Gestirnen. Dinge wie Atmosphäre oder Steaks waren belanglos, wenn man Sonnen stabilisiert und Asteroiden schluckt: die Arbeit als Energie, man möge mir den Scherz hier verzeihen.

Manche bauten sich diese Götter selbst, oft der letzte Konkurrenzkampf zwischen antagonistischen Kräften auf einem Planeten mit begrenzten natürlichen Ressourcen, wie sie uns wissen ließen: am Ende gibt es dann halt nur noch einen Gott. Und auch nur noch eine Regierung.

Unsere Boxkampfnachbarn hingegen hatten, wie sie fanden, ganz besonderes Glück, denn sie fanden ihren Gott unweit ihres Sterns, was seit Jahrtausenden bei ihnen für Frieden, Expansion und Wohlstand führte. Woher dieser Gott, den sie abwechselnd den Garten und den Gärtner nannten, kam, war für sie unerheblich, da es offensichtlich für sie war, dass der Gärtner ein Endpunkt einer ganz anderen Evolutionslinie gewesen sein muss. In ihrem Denken bedeutete ein gefundener Gott Glück für alle: die Zivilisation musste sich nicht aufspalten, um Herr und Diener zu werden, sondern konnte gewissermaßen für immer Kind bleiben, weil es de facto jemanden gab, der das alles ganz okay fand, was man so sein ganzes Leben lang machte.

Um absolut klarzustellen, wie das gemeint war, wiesen sie auf unser Verhältnis nicht nur zu unseren Kindern, sondern ganz besonders auch auf unser Verhältnis zu unseren Haus- und Nutztieren hin. Nicht wenige verstanden das als Hinweis auf eine ideologische Machtübernahme durch die TOW. Schade eigentlich, dass es in unserer Vergangenheit so schlimm zuging, dass wir in Zeiten von Städten auf dem Mars immer noch Angst davor haben, dass uns etwas fressen will. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das hinter uns lassen können.

Eine Weile lang passierte gar nichts mehr, keine Nachrichten kamen mehr bei uns an, obwohl unsere Besucher auch nicht verschwanden. Ich persönlich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass sie unter einander diskutierten, was sie mit uns jetzt machen sollten. Wir waren keine Bedrohung. Würden wir in Zukunft als Bedrohung in Frage kommen? Waren wir eine Anomalie? Waren Anomalien typisch für den Kosmos? Waren sie die Anomalie? In dieser Stille ertönten die ersten empathischen Meinungen zu ihnen und zu ihrer möglichen Sichtweise von uns. Ich für meinen Teil bin immer noch glücklich darüber, dass unsere Raumfahrprogramme so dermaßen knauserig mit ihren Piloten waren, dass absolut niemand zu ihnen hochflog. Die Stinkefinger, entblößten Ärsche und andere, weniger genießbare Videonachrichten, die ganz besondere Individuen unserer Spezies verschickten, waren mir schon genug. Manchmal schäme ich mich, das Sonnensystem mit solchen Deppen teilen zu müssen, aber wie sagt man? Die Natur liebt den Regress zur Mitte?

Das waren die längsten 11 Stunden der Menschheit. Ihre letzte Nachricht an uns kam in allen Sprachen.

„Ok. Bis dann.“

Tage später konnte man noch Leute auf Straßen sehen, die nach etwas am Himmel zu suchen schienen. Mit gerunzelter Stirn gaben sie dann seufzend auf. Wie seltsam es war, dass wir uns so schnell an absurde Eisbrocken und ein göttliches Gewirr, das nicht einmal da war, gewöhnen konnten. Die folgenden Jahre kann ich nur aus meiner eigenen Perspektive aus beschreiben, aber irgendwie schafften wir es, gleichzeitig bescheuerter, wie auch weiser zu werden. Es war danach so, als ob wir alle eine ziemlich große Familie waren, die sich plötzlich ihrer eigenen Wirrheiten, Fehlwahrnehmungen, Halluzinationen und Tagträume nicht mehr schämte. Zu jedem Zeitpunkt waren wir bereit, einander den abgedrehtesten Scheiß zu erzählen, ohne dabei rot zu werden oder auch nur missverstanden zu werden. Irgendeine Mauer war in den Köpfen eingestürzt: wir wollten alle nicht mehr das selbe. Lebbare Halluzinationen erschienen auf dem Markt. Man konnte sein Leben vollständig unterbrechen und ein anderes weiterleben, zu einem frei wählbaren Zeitpunkt. Das Konzept von Arbeit starb quasi über Nacht. Wir wurden alle zu mittelmäßigen Schöpfern unserer eigenen Welten. Religionen erneuerten sich, unser Gott war so mächtig, dass er nicht auffindbar war; Gott hatte das Herz des außerirdischen Pharaos erweicht. Und so weiter. Die Gehirne von Religiösen funktionieren halt am Besten, wenn sie religiös sein dürfen.

Ich will nicht sagen, dass wir glücklicher geworden sind. Zumindest stirbt niemand mehr durch Nichterfüllung der Bedürfnispyramiden, und ich nenne das den Fortschritt überhaupt. Und es vergeht kein Tag, an dem ich diesen unwahrscheinlichen Besuchern nicht dafür danke, dass ich meine Gewaltfantasien völlig in Simulationen erschöpfen kann. Wegen ihnen haben wir alle erkannt, dass jeder von uns ein Mensch ist, egal wie die eigene Haltung zum Fressen oder Gefressenwerden ausfällt. Heutzutage kann man beides ausprobieren und schauen, was einem eher liegt oder gefällt. Scheiße, ich habe Freunde, die darauf schwören alle paar Monate zu wechseln. Libido und Destrudo im Einklang, sowas.

Ich kann nächste Woche in einen Laden gehen, und als kleiner Bub rauslaufen. Ich kann altern. Oder nicht. Ich kann Dunkelheiten in mir ausleben, die vor ihrem Besuch nicht möglich gewesen wären oder nach einem einzigen Stück Käsekuchen pappsatt sein. Ich liebe die Zukunft.

Ich weiß nicht, ob sie wiederkommen. Anscheinend haben ein paar von uns sie entdeckt, aber es ist so weit weg, dass wir nicht sagen können, ob sie von unserem Standpunkt aus dort hingegangen sind, oder noch zu uns kommen werden. Wirklichkeit ist verdreht, yeah?

Viele von uns hoffen in Zukunft auf einen Showdown zwischen Göttern. Davon wiederum versuchen viele ihre eigenen Ideen an den Menschen zu bringen: die Bauer und die Sucher. Alles nur eine Frage der Ressourcen, alles nur eine Frage der Zeit, alles nur eine Frage der religiösen Stückzahlen. Am Ende haben die Recht, die es als erste schaffen. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht eine einzigartige Chance dazu bekommen, in unsere eigene Zukunft zu schauen. Totale Kontrolle über die Existenz im Raum, im Schoß einer Gottheit schnurrend gewärmt zu werden, wir alle haben das im Hinterkopf.

Vielleicht haben unsere Großeltern gelogen, weil sie Angst davor hatten, dass nur Angst allein uns daran hindert, einander zu zerfleischen, aber wir sind alle jetzt viel weiter: gib dem Menschen, was er will, und der Mensch lässt dich in Ruhe. Nein, doch, wir sind generell zufrieden, das würde ich am Ende doch behaupten.

Ich mein, wir strahlen seit was, 800 Jahren unsere Kultur ins All? Und von Anfang an sah es so aus, als würden wir mit Göttern leben und sprechen? Ich würde sagen, nachdem wir entweder ein paar Götter selber gebaut oder vielleicht sogar gefunden haben werden, geht es so richtig los! All die Dinge, die wir dann nicht mehr machen müssen! Und selbst wenn die TOW wieder zurückkommen, beim letzten Mal war ihr Interesse an uns rein göttlich missverständlich. Ob ich nun ein Knotenmonster sehe oder irgendwas anderes, Gott ist Gott, wenn ihr mich fragt.

Fragment aus 1724, 35. Epoche

Ihr wurde klar, dass es nicht darum ging, ob Haldanes Trost etwas Tatsächliches vorwegnahm, sondern was das für den Tod bedeutete. Oder vielmehr, was vom Tod noch übrigbleiben konnte.

Vor ihr breitete sich ein feines Geflecht im Raum aus, das sich langsam dem Auge schmeichelnd drehte und die Menge an Assoziationen ausgehend von einer Idee als Zentrum darstellen konnte. Zumindest oberhalb einer einstellbaren Schwelle, sonst unterscheiden sich die Assoziationsbüsche für einen Teppich nicht nennenswert von denen für einen Muskelkater.

Das Ganze war ein ausgeklügeltes Spiel für Freigeister und Leute wie sie: am Wissen der Menschheit interessiert, aber ohne zwischenmenschlichen Austausch zu brauchen. Sauber. Unbeobachtet. Vielleicht ein wenig verrückt.

Dinge, die wir im Dunkeln tun, dachte sie.

Sie gab als Ursprung der Assoziationen das Wort Unsterblichkeit vor und vergewisserte sich, dass Variationen eines gleichen Themas keine Berücksichtigung fanden. Das Geflecht wurde langsam mit feingliedrigen Auswüchsen bevölkert, deren Abstände vom Zentrum im gleichen Maße größer wurden, wie neue Begriffe dazukamen.

Und sie war erstaunt über einen gewissen Mangel an Kreativität, der sich abzuzeichnen begann: waren zunächst vielversprechende Ideen wie partielle körperliche Unsterblichkeit vertreten, wie HeLa, war die Tendenz zu definitiv magischen Ideen nicht zu ignorieren.

Auf der einen Seite war Stasis der Form, auf der anderen Stasis der Essenz, und dazwischen eine winzig kleine Oberfläche andersartiger Ideen. Sie fand, dass das Konstrukt eine gewisse Ähnlichkeit zu einer Sanduhr hatte. Sie klappte enttäuscht die beiden riesigen Enden als Variationen voneinander aus der Darstellung der Assoziationen weg. Hätte sie jemand gesehen, würde er ob ihres Gesichtes zusammenzucken: Kreativität ergriff von ihr Besitz.

Sie isolierte die einzigartigen Ideen und ließ sie eine wabernde Blase mit Unsterblichkeit als ihr Zentrum bilden.

Genau zwei boten sich ihr an, im Rest erkannte sie Unzulänglichkeiten des Programms hinsichtlich sehr kleinen Populationen von Assoziationen: abermals Variationen bereits existierender Ideen, nur unbeholfen formuliert. Doch diese zwei, diese zwei waren anders, auch wenn ihre Ähnlichkeiten sie klar miteinander verbanden.

Sie ließ sich beide vorlesen.

Wenn es um unendliche Unendlichkeiten geht, stellt sich uns die Frage danach, wie wahrscheinlich Ereignisse sind, deren Auftreten gegen Gesetze verstößt, die wir weder kennen, noch sich uns andeuten; ferner bedeutet diese Wahrscheinlichkeit dieser Ereignisse für uns zwei Ergebnisse.

Ergebnis eins führt zu einer Kosmologie, in der wir uns Dinge vorstellen können, die absolut unmöglich sind, was angesichts unserer Evolution zu einem vollständigen Versiegen des wissenschaftlichen Prozesses führt, da alle Grenzen fest sind (Der Käfig, siehe dort).

Ergebnis zwei führt hingegen zu einer Kosmologie, in der das Paradoxon das einzige Gesetz ist, und in welcher unsere Vorstellungskraft angesichts der Wirklichkeit verloren geht, und keine Erkenntnis möglich ist (Das Alles, siehe dort).

Anhand des Beispiels der Unsterblichkeit lassen sich diese Ergebnisse erläutern.

Das war nach ihrem Geschmack.

Im Ergebnis eins führt unsere Vorstellung von Unsterblichkeit dazu, dass wir uns technologische oder mystische Möglichkeiten vorstellen können, diesen nachgehen und diese umsetzen, wie auch praktizieren können, um diese Unsterblichkeit zu erreichen (Kryogenik, siehe dort; Mumifizierung, siehe dort), jedoch beispielsweise hier missverstehen, dass unsere Ideen von Unsterblichkeit angesichts der Entropie nicht nur ausschließlich unter einer extremen Form unwirtschaftlicher traditioneller oder technologischer Altlasten durchzuführen sind, sondern Unsterblichkeit nach der Abwesenheit biologischer Zellsysteme verlangt. Ist die Technologie weit genug fortgeschritten, lässt sich Unsterblichkeit nicht vom Tod unterscheiden. In diesem Szenario ist Unsterblichkeit nicht nur nicht für uns erreichbar, sondern sie ist nicht erreichbar, weil wir so sind, wie wir sind. Die Menschheit bleibt in sich selbst eingesperrt, weil sich die Wissenschaft nicht über diese Grenzen hinaus entwickeln kann (Nullsummenspiel-Kosmologie, siehe dort).

Es kam ihr so vor, als müsste sich das Programm konzentrieren. Wer hatte so etwas geschrieben?

Im Ergebnis zwei treten, stellvertretend für weitere Paradoxa, folgende drei Fakten gleichzeitig ein: wir leben in einem Universum, in dem es keine Unsterblichkeit gibt, wir leben in einem Universum, in dem es Unsterblichkeit gibt und wir werden in einem anderen Universum unsterblich sein, nachdem wir gestorben sind. Jedes dieser Fakten kennt wiederum so viele Permutationen, dass, je nach Person, bereits mit unserer momentanen Denkleistung die Permutationen nicht mehr als zusammengehörend erkannt werden können. Das bedeutet nicht nur, dass aus jedem einzelnen Ereignis der Kausalität Unsterblichkeit ableitbar wird, sondern gleichzeitig auch ihre Abwesenheit, wie auch ihre Verrückung in ein anderes Universum (Hilberts Hotel, siehe dort). In diesem Szenario ist Unsterblichkeit zwingend, jede Mythologie und jede Technologie führt zu Unsterblichkeit, führt nicht zu Unsterblichkeit und führt zu Unsterblichkeit, aber nicht in diesem Universum. Die Menschheit kann mit einer Kosmologie der zwingenden Paradoxie nicht umgehen, auch wenn das paradoxerweise für die Kosmologie keine Folgen hat, da alle Folgen inbegriffen sind.

Sie dachte nach. Sie dachte lange nach.

Dann betrachtete sie Haldanes Trost eine gute Stunde lang, während sie sich ihrer Position als jemand bewusstwurde, der auf den Schultern von Riesen stand: sie wollte lachen, weil sie das Gefühl hatte, dass sie etwas Verbotenes tun würde.

Und doch gab es keine Legitimation, außer dem Willen zum Dialog. Auch, wie hier, über Jahrtausende hinweg: ihre Antwort hätte sie genauso gut nach Andromeda schicken können. Endlich lachte sie über ihre eigene Scheu.

Aber das gilt auch für den Geist, der nach mir kommt—und nicht einmal mehr den Baum findet, der aus meinen Überresten erwuchs, schmunzelte sie.

Und sie fing an zu schreiben.

Angesichts der Anpassungsfähigkeit unseres Stammbaumes (Prä-Adaption, siehe dort, Stressoren, siehe dort), fallen beide Ergebnisse in vollständiger Symmetrie der Einfallslosigkeit zum Opfer, die unsere Spezies ausmacht: wir sind das, was wir erleben, wir denken, was wir begreifen (Stasis der Form, siehe dort, Stasis der Essenz, siehe dort), ungeachtet der subjektiven Assoziationen.

Die Spitzfindigkeiten zu Haldanes Trost gehen entweder davon aus, dass wir als Menschen Menschen bleiben müssen, um Menschen zu sein, oder aber menschliche Erkenntnis nicht möglich ist. Hier ist eine Wiederholung im Gange (Anthropisches Prinzip, siehe dort), die eine evolutionsbedingte Radiation sowohl uns als Spezies, als auch uns als Wissenschaftler ausschließt (Der Ewige Mensch, siehe dort), was kontrafaktisch ist: Expansion bedeutet Isolation, weil Kommunikation nicht neuronal erfolgt.

Ich schlage eine Überarbeitung dieser beiden einzigartigen Assoziationen zu Haldanes Trost string[0..-14] Unsterblichkeit und Einfügung in die große Dichotomie zu Haldanes Trost vor.

Sie versah ihren Kommentar mit ihrer Signatur. Aufregung machte sich in ihr breit, auch wenn sie wusste, dass diese unbefriedigt bleiben würde: zu groß waren die Abstände. Dennoch stellte sie sich vor, dass jemand auch Nachforschungen zum Trost machen würde, und wie erstaunlich es sein musste, plötzlich zu sehen, dass diese zwei Einträge neu kategorisiert worden sind. Vielleicht schon in 1.000 Jahren? Ach was, sagte sie sich, wenn ich schon diesen lächerlichen Tagträumen nachgehe, dann richtig: kurz vor ihrem Tod sollte ein knapp bekleidetes Prachtexemplar ihr die Nachricht bringen, dass jemand geantwortet hat! Ein Wunder, ein Wunder! Apotheose im Tod! Und was erst die Reaktion war!

Sie stellte sich vor, wie jemand auf die Ewigkeit der Dichotomie der Lebenden verwies, das nichts der Symmetrie aus Existenz und Transformation entgehen konnte, und der Mensch (würde es dann noch Menschen sein?, und sie kicherte ein wenig vor Aufregung) dieser erst dann sowohl entkommen, als auch sie aufbrechen können wird, wenn er seine Vergangenheit hinter sich lässt, in welcher Form auch immer. So oder so ähnlich, aber viel intelligenter, und wahrscheinlich, da war sie sich sicher, mit Beobachtungen, die sie jetzt noch gar nicht ahnen konnte. Welche „siehe dort“ es dann geben wird! Und wie diese sein werden!

In der Zwischenzeit war es sehr heiß geworden, und sie fragte sich, ob sie vielleicht ein wenig in den Schatten gehen oder lieber etwas zu trinken bestellen wollte. Ihr Sonnenschutz war noch aktiv, was ihre Laune noch etwas hob. Sie richtete sich langsam auf und musste an ihre eigene Mutter denken, weil ihre Bewegungen so sehr der ihrer Mutter glichen: langsam und ein wenig tattrig. Aber das war in ihrem Alter auch zu erwarten, Entropie war schließlich im Allgemeinen das Leben, und im Speziellen war Entropie auch ihr Leben.

Sie war Teil eines Systems, das sich als Apoptose der Wissenschaft, der Forschung und der Ideen verstand, der programmierte Zelltod von kühnen Ausuferungen, die auf den ersten Blick vielversprechend erschienen, deren Umsetzung jedoch zu einem Nettoverlust daran beteiligter Ressourcen führte. Unter ihresgleichen wurde sie zitiert, weil ihre besondere Form der Schadenfreude ihr eine Art Vogelperspektive gab, und sie deswegen sich nicht verwirren ließ.

Ohne sie würden nicht unbedeutende Zirkelschlüsse immer noch laufen, ständig bemüht, sich selbst von Phase zu Phase herüberzuretten, indem Wissenschaftler Vektoren dieser Zirkelschlüsse wurden: eine hochabstrakte Welt, in der schlechte Ideen Viren waren, und Gehirne ihre Wirte.
Eine Welt, in der die Weisungen der Eltern von Generation zu Generation gültig bleiben, mag auf den ersten Blick tröstlich sein, so viel gestand sie, aber getäuscht zu werden macht aus der Täuschung keinen besonders guten Trick, sondern zeigt lediglich, dass man viel einfältiger ist, als man bisher zu gestehen bereit gewesen war.

Als junges Mädchen hatte sie gelesen, dass man mit absolutem Argwohn denen begegnen sollte, die man versteht. Als alte Frau wusste sie, dass ihr ganzes Leben zu diesem einen Moment hier an diesem Strand, umgeben von hunderten anderer Sonnenanbeter, geführt hat. Ob sie Firewalls für Ideen schrieb, oder, wie jetzt, sich einen Eiskaffee mit einem großen Glas Eiswasser bestellte, ihr Herzschlag ließ sie wissen, dass sie zu einer ununterbrochenen Kette des Lebens gehörte, sie war Bindeglied zwischen ihren Eltern und ihren Kindern, und sie erschauderte: sie war der Tod der Vergangenheit und die Zukunft würde sie umbringen, mit dem gleichen Recht.

Doch hier, wo eine Kugel Vanilleeis auf ihrem Eiskaffee schwamm, hier war sie unsterblich, umgeben von der wahrscheinlich besten Party, an der sie jemals teilgenommen hatte, umgeben von Menschen, die, genau wie sie, ihre Nachfahren glauben machen werden, in Jahrmillionen, dass die Mythen der Vergangenheit sie alle prophezeit hatten: Götter, die das Chaos der Welt bändigten, es in Bahnen lenkten und das Paradies erschufen, wo nicht einmal der Tod sie finden konnte.

Zumindest stand das so ähnlich auf dem Flyer, mit dem sie sich schmunzelnd Luft ins Gesicht fächelte; vielleicht mit weniger Pathos und Glamour, zugegeben, aber wenn man so war wie sie, gestattete man sich regelmäßig eine Portion manischen Größenwahn (Gottmensch-Komplex, siehe dort).

Aus „Dionysos und seine Töchter: Götter schmecken wie Menschen“, Aufzeichnungen von Mütterchen Frost, private Sammlung. 1724, 35. Epoche