0028

Wir redeten über die Absurdität von Zügen, vor allem aber über die Absurdität von Schienen im Jahre 2017. Du warst wundervoll, edel, dein zweifarbiger Lidschatten zauberte mir Erinnerungen an Pfauenaugen ins Bewusstsein, zwei Finger standen leicht ab, während du deinen Kaffee umrührtest. Ich war laut, aufbrausend, meine Lippen konnten kaum über mein Raubtiergebiss hinwegtäusche, während ich auf meinen Keks starrte. Kurzum: alle Anwesenden genossen unser Gespräch darüber, wie seltsam Science Fiction ist: fliegende Autos, vielleicht Teleporter, auf jeden Fall irgendwas auf dem Mars, ja klar, künstliche Menschen, Sklaverei, die Frage nach Identität, sicher. Aber, gaben wir beide zu, so weltfremd wie die Abwesenheit von Schienen in diesen Geschichten. Seit, was, wir wussten es nicht, mehr als 200 Jahren? Schienen, älter als 200 Jahre? Sagen wir 100. 100 Jahre. Und wir wetteten, dass sich der Radstand nicht veränderte in den letzten, hm, 100 Jahren? Dass wir von Fortschritt träumen, immer in konkreten Bahnen, aber uns keine Zukunft für Züge vorstellen konnten. Und wenn, dann wirkte es archaisch, so einen Zug zu haben, in der Zukunft. Und so verstand ich mit dir und du mit mir, dass niemand Science Fiction richtig machen kann, weil niemand von uns versteht, wie Fortschritt geschieht, angesichts der Schienen. Ich weiß, dass wir eine Bereicherung für unsere Umwelt sind, du und ich. Geben wir Leuten Autogramme? So, direkt ins Gesicht? Machst du mit?

0027

»Man sieht nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn« sagt meine Dozentin der Semantik, und ich rutsche ab, bin mir bewusst, dass der Eindruck, dass mein Bewusstsein hinter meinen Augen sitzt, von meinem Gehirn erzeugt wird, dass Ideen, die ich habe, Aktionspotenziale entlang von Axonen sind, dass meine Erinnerung an ein bestimmtes Parfum deswegen präsent sein kann, weil dieser Geruch mit einer Lokalität in Verbindung steht, und mein Gehirn und dein Gehirn dazu da sind, dass wir uns im Raum orientieren können, indem wir unsere Sinne dazu verwenden, Informationen zusammenzutragen, welche zum Ergebnis eine Topologie unseres Lebens haben, die wiederum nichts anderes ist, als das, was wir dann als unsere Persönlichkeit ansehen. Hätte ich als zu junger Mensch nicht grauenhaften Scheiß gesehen, wären meine Nächte jetzt ruhiger. Wer von uns ist besessen von der Idee einer schlechten und grausamen Welt, weil wir uns nicht trauen, uns zu entspannen? Oder kürzt es mein Gehirn nun erfolgreich für dein Gehirn ab, wenn ich sage: die Unglücklichen?

0026

Wir könnten alle genausogut interstellare Raupen sein, und dennoch immense Summen an Zeit darauf vergeuden, in millionenfacher Wiederholung uns Ver- und Entpuppungsvideos anschauen. Nichts erscheint mir treffender als dieser Gedanke daran, dass wir selbst nur die Bilder von uns selbst sind, Bilder unserer eigenen Art.

0025

Als die beiden anfingen, die menschlichen Kulturen in dem,
was sie dann später Gottes Regenbogen bezeichneten, anzuordnen, waren sie noch
allein und der Prozess verlief schleppend. Doch vielleicht aus einer
Vertrautheit heraus, aus der Angst davor, in einen „deleted space“ zu fallen,
also in das Schweigen hineinverloren zu werden, wurden es nach den ersten fünf
Jahren immer mehr, die die verschiedenen Wellenlängen der menschlichen und
teilbaren Zustände sehen und auch selbst erleben und teilen wollten.

0023

Es ist nicht so, als könnte sie Gedanken lesen, doch sie
kann dir sagen, was andere Leute dir angetan haben. Dann fragst du dich, ob du
ihr das erzählt hast, stellst dann aber fest, dass ihr euch erst seit ein paar
Minuten kennt. Es ist auch nicht so, dass sie grausam ist, und dass die
Abgründe, die sie in dir aufdeckt, so als ob jemand das Laub über einer
Wolfsfalle zurückschlägt, ihr bekannt sind. Es ist hingegen so, dass dein
ganzes Leben buchstäblich auf deiner Haut niedergeschrieben steht, und sie
lediglich erstaunt dir auch diesen ungelernten Text vorliest, den sie durch
meine Augen sieht, während sie mit meiner Stimme spricht.

Eintausend Kraniche aus Worten geformt

Ob ich die fünfzigtausend Wörter bis zum Ende des NaNoWriMo noch schreiben werde, das werde ich noch sehen, aber ich denke, dass dies sich erledigt hat, zumal ich dadurch auf den Geschmack von Kurzgeschichten gekommen bin. Die bereits geschriebenen Kurzgeschichten im Rahmen des NaNoWriMo werden von mir gerade munter im Kreis meiner Freunde und Bekannten zum Lesen verteilt, und vielleicht meldet sich noch jemand von den angeschriebenen Webseiten, an die ich ein paar davon versandt hatte.

Falls nicht, ist das kein Beinbruch.

Denn das für mich wirklich spannende passiert gerade in der Form von vielen, täglichen Kürzestgeschichten, die ich einerseits durch mein Hexenhaus veröffentliche, andererseits durch einen Telegram-Kanal, den ich eigens dafür eingerichtet habe, um (sozusagen Post-RSS) diese Kürzestgeschichten an eure Smartphones zu verschicken: bequem, kostenlos und auch interaktiv(Link funktioniert nur, wenn Telegram installiert ist, also wahrscheinlich nicht auf einem Desktop; einfach in der Telegram-App nach »blackhardpress« suchen).

Aus Gründen einer tiefen Verbundenheit mit Japans Geschichte, lerne ich im Moment auch Japanisch mithilfe von Memrise und mithilfe des Kanji-Lernsystems, das Niko so hingebungsvoll nach Heisig optimiert hat.

Drei Jahre sind eine Menge Zeit. Was machst du jetzt, um in drei Jahren die Früchte ernten zu können?

 

0022

Als sich der Schlüssel nach links drehte, wusste ich nicht viel mehr. Nur als ich dann ein Jahr später hinter mich schaute, sah ich, dass ich die Tür, durch die ich getreten war, am Horizont noch ausmachen konnte. Ferne Dinge werden unscharf, unecht, und die Erinnerung an das, was einst diese Tür darstellte, diese verschlossene Tür, reihte sich in all die Erinnerungen ein, die ich vor der Gegenwart der Tür bereits gehabt hatte.

So viele Dinge schienen vorbei zu sein, nicht nur für mich, sondern für die ganze Welt: vorbei war die Forschung, vorbei die Kunst, vorbei die Musik, alles war ein leerer Ort, wie…

Doch die Erinnerung entgleitet mir, wie eine Forelle, die ich nicht zu halten weiß. Wie seltsam das ist, denke ich mir. Ich kann mich nicht mehr erinnern, weswegen ich vor dieser Tür überhaupt so felsenfest stand.

Selbst die Vorstellung, zu der Tür zurückzulaufen, klingt nicht richtig.
Wie könnte ich zu etwas zurückkehren, wenn ich doch nicht der bin, der dort geblieben war? Wenn ich der bin, der aufsperrte und durchlief, dann weiß ich nicht mehr der zu sein, der stehenblieb vor einer Tür, die lose und frei im Raume stand.

UND ÜBER MIR EXPLODIERT ALLES