0035

Es ist so seltsam, wie gewisse Dinge den eigenen sprachlichen Ausdruck verändern.  »Alter«, sagte sie. »Solange du nicht begreifst, wie sich dein Hund fühlt, wenn du ihn oder sie streichelst, solange verstehst du auch nicht, was es bedeutet, am Leben zu sein.«

Sie strich sich dabei über den Bauch. »Das kommt von hier, das ist ganz tief drin.«

Ich berührte meine Stirn.

»Und was ist hier drin, was ist das hier?« fragte ich.

„Du erinnerst dich an dieses Gemälde, mit Gott in der Form eines Gehirns im Schnitt einbeschrieben? Und wie er dem liegenden Adam Leben mit dem Fingerzeig einhaucht?“

Ich nickte.

»Das ist das, was in uns vorgeht: ein Gehirn erzeugt ein Bewusstsein in seinem Inneren und dieses Bewusstsein haucht dem Körper Leben ein. Es begreift sich selbst im Rahmen dessen, was seine körperlichen Begebenheiten sind. Es erzeugt das Subjekt, landläufig auch als Ego bezeichnet.“

Jetzt war ich mehr als neugierig und drohte vor Aufregung fast zu platzen. Wer war diese Frau wirklich? Bin ich verrückt geworden?

»Und was fühle ich also hier unten, tief in mir drin?“

Sie warf mir einen wilden Blick zu, wie etwas Uraltes, zugleich Beute-, wie auch Raubtier.

»Hier unten fühlst du, dass du und dein Hund, beispielsweise, beide gleichwertig seid in eurer Existenz und dass du nicht erst so etwas wie die Frage danach stellen musst, ob Tiere auch Seelen haben? Ich mein, worin unterscheidest du dich von allen anderen Lebensformen, die für sich das Gute suchen und das Schlechte vermeiden? Niemand hatte dazu eine Wahl, zumindest evolutionär bis vor kurzem nicht.«

Ich wurde sehr hellhörig, meine Gedanken schienen ungewöhnlich agil zu werden, wie etwas Lebendiges in meinem Kopf, wie etwas, das eine neue Verbindung zwischen Hirnzellen und einer Idee herstellte, eine Bugwelle vor der Nervenbahn.

»Du meinst uns Menschen?«

Zu meinem Entsetzen schüttelte sie den Kopf.

»Nein, ich meine Kultur. Dieser Gott in dem Gehirn ist Kultur. Kultur sagt dir, wer du sein darfst und wer nicht. Kultur erschafft Leben aus dem Unterschied zwischen dem Subjekt und seiner Umgebung.«

»Dem Innen und dem Außen also?«

»Ja. So sehe ich das.“

»Das ist dann also so etwas wie „du, der Hund und das Universum seid eins, All You Need Is Love, wir sind alle Brüder und Schwestern“ und wie es sonst noch so alles heißt, ja?«

»Ja, unsere Künstler und Musiker beschreiben schon längst die Welt, auf die wir alle zusteuern, indem sie erkannt haben, das was uns antreibt, die Auslöschung des Leids ist«.

Das hatte ich noch nie gehört, aber ich begriff dennoch, woran diese Auslöschung zu erkennen wäre.

»Vom Kannibalen zum Veganer. Unsere Essgewohnheiten folgen direkt dieser Auslöschung.«

»Cool. Siehste, du blickst es. Cool. Sehr cool.«

Sie lachte. Ich lachte mit. Ich konnte nicht anders. So frei fühlte ich mich, dass ich einfach lachen wollte.

»Und jetzt denk daran, wie sich ein Hund fühlt, der oder die von dir gestreichelt wird. Stell es dir so richtig vor.«

Ich erschauderte.

»Scharfer Trick, ne?“

»Holy fuck« sagte ich.

0033

Die Melancholie eines Sonnenaufgangs nach einer langen Nacht ist einzigartig. Einzigartig wie das Wissen darum, dass man sich ihn mit der Nacht davor erkauft hat. Einzigartig wie die unfassbare Geschwindigkeit, mit der die Sonne ihre Farbe und Form verändert, scheinbar flüssig sich vom Horizont lösend. Und während man den Preis des Schlafes wegzublinzeln versucht, wird einem die Bedeutung der Melancholie bewusst: die schönen Dinge in unseren Leben erkaufen wir uns durch den Verlust von Regelmäßigkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit. Und der Preis ist so hoch, dass wir nicht anders können, als dann, nach dieser Schönheit, erschöpft niederzusinken – wir alle machen das, bis wir nicht mehr können, bis wir keinen Sonnenaufgang mehr ertragen.

0032

Er lebt allein in seinem Hexenhaus. Er zählt zwar die Silberfischchen im Bad, die Katze in seinem Bett, die Spinnen am Fenser und die Wespen unterm Dach, aber! Man hört Musik oder Gesang, manchmal beides, manchmal kann man sich nicht entscheiden, was man da hört, besser nicht darüber nachdenken, schnell vorübergehen. Vorspiel zu Onkel Boskopp. Früher hatte er noch Besucher, da hat man viel gelacht, das war auch nicht ok, schnell vorübergehen. Und ganz selten, so wie heute, hört man ihn Goethes erotische Gedichte vorlesen. Laut. Lachend. Das mag zwar auch nicht jedem schmecken, aber wenn ich es bin, der sterben muss, dann will ich leben, wie ich will.

0031

Die messianische Botschaft besteht darin, dass wir einander nicht mehr umbringen müssen, seit wir Ackerbau betreiben. Das wiederum bedeutet, dass die, die es dennoch tun, es dennoch tun wollen. Gut, sage ich, wer nicht den Acker bestellen will, der heiratet auch nicht in meine Familie hinein. Meine Botschaft als Messias ist das einzige Gesetz, an das ich mich halte, ob die Sonne nun scheint oder nicht: weide meine Schafe oder stürz von der Klippe des Aussterbens.