Die TOW

Die ersten Nachrichten, die wir erhielten, waren zutiefst menschlich. Sich wiederholende Bilder von betenden Menschen, von Menschen in religiösen Ritualen, vermischt mit Bildern von Boxkämpfen, Duellen aller Art, begleitet von Posaunen und Fanfaren, Jubelgeschrei: eine Kakophonie, die in ihrer Art aufregend war, sowohl visuell, als auch vom Aufbau her. Wie gesagt, zutiefst menschlich.

Es ging, wider Erwarten, kein Schock um die Welt, als klar wurde, dass diese Aufreißer aus dem All nicht ein Scherz einer außer Kontrolle geratenen Werbeindustrie waren. Auch die Anhänger der Neuen Weltordnung waren zu großen Teilen eher perplex, als dass ihnen Sachen wie Regierungssatelliten, Gehirnwäsche oder das Ende der Welt durch den Kopf gingen, oder was auch immer diese ganz besonderen Orgonschnüffler sonst ins Äthernetz pusteten.

Nein, eigentlich war die Reaktion auf die Kontaktaufnahme durch eine außerirdische Intelligenz eine Art gelähmter Verwirrung, ähnlich der, die Fotografen bei ihren Motiven absichtlich verursachen und suchen. Der Grundton war, dass diese erste Nachricht einfach so aussah, wie von Menschen gemacht. Eine gewisse Enttäuschung kann man also uns Erdenwesen nicht verübeln: selbst unsere Fiktionen zum ersten Kontakt waren durch die Bank weg scheinbar abgedrehter, als die Wirklichkeit, die sich uns damals anbot.

Aber das war nur auf den ersten Blick. Es ging um ein Event, und anscheinend war das auch etwas, das uns interessieren sollte, auch wenn sich uns der schlichte Zusammenhang nicht sofort erschloss. Was diese Transoortschen Wesen wollten, denn außer ihren Maschinen und dem, was sie mitgebracht hatten, waren wir außer Stande auch nur irgendetwas über ihre Formen oder Gestalten zu erfahren; außer natürlich diese wolkenkratzerhohen schimmernden Brocken aus schmutzigem Eis waren diese Außerirdischen selbst. Nein, hier ging es nicht um eine Kontaktaufnahme zwischen vernunftbegabten Wesen, sondern um ein Duell zwischen ihrem Gott und unserem.

Und ihren Gott hatten sie gleich mitgebracht: eine Kreatur, die aus nichts anderem zu bestehen schien, als aus geometrischen Knoten, die sich durcheinander bewegten, so als ob titanische Schlangenleiber sich immer fester um etwas Hilfloses in ihrem Inneren schlossen.

Die kommenden Wochen hindurch wich unsere anfängliche Lähmung einem Entsetzen, das sich durch die Gespräche zwischen unseren begabtesten Xenowissenschaftlern und, wie es scheint, ihrem Public Relations-team in den Nihilismus steigerte: sie sind hierhergekommen, weil wir einen Gott hatten, und weil, wie sie uns in packenden Videos zeigten, Götter in relativer Nachbarschaft zu einander die Tendenz hatten, ihre Lakaien und Geschöpfe aufeinander zu hetzen, war es weiser die Götter es austragen zu lassen.

Diese Götterhaltung wurde auch von ihrem kosmischen Schreckgespenst geteilt; dass es, dieser Gott, mit dem bloßen Auge so sichtbar war wie der Mond, tat sein Übriges. Vorbei waren die diffusen Ängste davor, dass es im Himmel Augen gibt, die uns beobachten und über uns richten, denn diese Augen waren so klar erkennbar, wie der volle Mond. Das Ding war schlichtweg riesig.

Dass es anscheinend, laut unserer Telewahrnehmung, weder Masse hatte, noch Strahlung abzugeben schien, setzte vielen Menschen ganz gehörig zu: glaubten sie an den falschen Gott? War das der wahre Gott? Wo war Gott? Ist das Gott? Wir bemerkten, wie verankert Religionen und der Glaube an höhere Mächte in unseren Kulturen waren, aber für diese Emergenz unserer Geschichte hatten wir keine Zeit. Sie und es waren hier, und wir standen mit leeren Händen vor ihnen.

Hatten wir denn keinen Gott? Das war die Frage, die letzten Endes von ihnen gestellt wurde. Was geschehen war, lässt sich ungefähr so beschreiben, zumindest waren das die Erklärungen, mit denen sie uns dann alleine ließen:

Jede Zivilisation, die die zufälligen Katastrophen des Weltalls auf Dauer überleben wollte, musste sich, nachdem sie alle primordialen Fressfeinde aus ihrem Utopia gelöscht hatten, nach einem Schutz umschauen, der zu gleichen Teilen Herrscher, wie auch Diener dieser Zivilisation war. Wortwörtlich eine Art himmlischer Elter, der einen beschützt, wie auch Gefahren bannt. Diese Götter waren völlig selbstversorgend und unabhängig von der Zivilisation, da sie nicht planetar existierten, sondern zwischen den Gestirnen. Dinge wie Atmosphäre oder Steaks waren belanglos, wenn man Sonnen stabilisiert und Asteroiden schluckt: die Arbeit als Energie, man möge mir den Scherz hier verzeihen.

Manche bauten sich diese Götter selbst, oft der letzte Konkurrenzkampf zwischen antagonistischen Kräften auf einem Planeten mit begrenzten natürlichen Ressourcen, wie sie uns wissen ließen: am Ende gibt es dann halt nur noch einen Gott. Und auch nur noch eine Regierung.

Unsere Boxkampfnachbarn hingegen hatten, wie sie fanden, ganz besonderes Glück, denn sie fanden ihren Gott unweit ihres Sterns, was seit Jahrtausenden bei ihnen für Frieden, Expansion und Wohlstand führte. Woher dieser Gott, den sie abwechselnd den Garten und den Gärtner nannten, kam, war für sie unerheblich, da es offensichtlich für sie war, dass der Gärtner ein Endpunkt einer ganz anderen Evolutionslinie gewesen sein muss. In ihrem Denken bedeutete ein gefundener Gott Glück für alle: die Zivilisation musste sich nicht aufspalten, um Herr und Diener zu werden, sondern konnte gewissermaßen für immer Kind bleiben, weil es de facto jemanden gab, der das alles ganz okay fand, was man so sein ganzes Leben lang machte.

Um absolut klarzustellen, wie das gemeint war, wiesen sie auf unser Verhältnis nicht nur zu unseren Kindern, sondern ganz besonders auch auf unser Verhältnis zu unseren Haus- und Nutztieren hin. Nicht wenige verstanden das als Hinweis auf eine ideologische Machtübernahme durch die TOW. Schade eigentlich, dass es in unserer Vergangenheit so schlimm zuging, dass wir in Zeiten von Städten auf dem Mars immer noch Angst davor haben, dass uns etwas fressen will. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das hinter uns lassen können.

Eine Weile lang passierte gar nichts mehr, keine Nachrichten kamen mehr bei uns an, obwohl unsere Besucher auch nicht verschwanden. Ich persönlich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass sie unter einander diskutierten, was sie mit uns jetzt machen sollten. Wir waren keine Bedrohung. Würden wir in Zukunft als Bedrohung in Frage kommen? Waren wir eine Anomalie? Waren Anomalien typisch für den Kosmos? Waren sie die Anomalie? In dieser Stille ertönten die ersten empathischen Meinungen zu ihnen und zu ihrer möglichen Sichtweise von uns. Ich für meinen Teil bin immer noch glücklich darüber, dass unsere Raumfahrprogramme so dermaßen knauserig mit ihren Piloten waren, dass absolut niemand zu ihnen hochflog. Die Stinkefinger, entblößten Ärsche und andere, weniger genießbare Videonachrichten, die ganz besondere Individuen unserer Spezies verschickten, waren mir schon genug. Manchmal schäme ich mich, das Sonnensystem mit solchen Deppen teilen zu müssen, aber wie sagt man? Die Natur liebt den Regress zur Mitte?

Das waren die längsten 11 Stunden der Menschheit. Ihre letzte Nachricht an uns kam in allen Sprachen.

„Ok. Bis dann.“

Tage später konnte man noch Leute auf Straßen sehen, die nach etwas am Himmel zu suchen schienen. Mit gerunzelter Stirn gaben sie dann seufzend auf. Wie seltsam es war, dass wir uns so schnell an absurde Eisbrocken und ein göttliches Gewirr, das nicht einmal da war, gewöhnen konnten. Die folgenden Jahre kann ich nur aus meiner eigenen Perspektive aus beschreiben, aber irgendwie schafften wir es, gleichzeitig bescheuerter, wie auch weiser zu werden. Es war danach so, als ob wir alle eine ziemlich große Familie waren, die sich plötzlich ihrer eigenen Wirrheiten, Fehlwahrnehmungen, Halluzinationen und Tagträume nicht mehr schämte. Zu jedem Zeitpunkt waren wir bereit, einander den abgedrehtesten Scheiß zu erzählen, ohne dabei rot zu werden oder auch nur missverstanden zu werden. Irgendeine Mauer war in den Köpfen eingestürzt: wir wollten alle nicht mehr das selbe. Lebbare Halluzinationen erschienen auf dem Markt. Man konnte sein Leben vollständig unterbrechen und ein anderes weiterleben, zu einem frei wählbaren Zeitpunkt. Das Konzept von Arbeit starb quasi über Nacht. Wir wurden alle zu mittelmäßigen Schöpfern unserer eigenen Welten. Religionen erneuerten sich, unser Gott war so mächtig, dass er nicht auffindbar war; Gott hatte das Herz des außerirdischen Pharaos erweicht. Und so weiter. Die Gehirne von Religiösen funktionieren halt am Besten, wenn sie religiös sein dürfen.

Ich will nicht sagen, dass wir glücklicher geworden sind. Zumindest stirbt niemand mehr durch Nichterfüllung der Bedürfnispyramiden, und ich nenne das den Fortschritt überhaupt. Und es vergeht kein Tag, an dem ich diesen unwahrscheinlichen Besuchern nicht dafür danke, dass ich meine Gewaltfantasien völlig in Simulationen erschöpfen kann. Wegen ihnen haben wir alle erkannt, dass jeder von uns ein Mensch ist, egal wie die eigene Haltung zum Fressen oder Gefressenwerden ausfällt. Heutzutage kann man beides ausprobieren und schauen, was einem eher liegt oder gefällt. Scheiße, ich habe Freunde, die darauf schwören alle paar Monate zu wechseln. Libido und Destrudo im Einklang, sowas.

Ich kann nächste Woche in einen Laden gehen, und als kleiner Bub rauslaufen. Ich kann altern. Oder nicht. Ich kann Dunkelheiten in mir ausleben, die vor ihrem Besuch nicht möglich gewesen wären oder nach einem einzigen Stück Käsekuchen pappsatt sein. Ich liebe die Zukunft.

Ich weiß nicht, ob sie wiederkommen. Anscheinend haben ein paar von uns sie entdeckt, aber es ist so weit weg, dass wir nicht sagen können, ob sie von unserem Standpunkt aus dort hingegangen sind, oder noch zu uns kommen werden. Wirklichkeit ist verdreht, yeah?

Viele von uns hoffen in Zukunft auf einen Showdown zwischen Göttern. Davon wiederum versuchen viele ihre eigenen Ideen an den Menschen zu bringen: die Bauer und die Sucher. Alles nur eine Frage der Ressourcen, alles nur eine Frage der Zeit, alles nur eine Frage der religiösen Stückzahlen. Am Ende haben die Recht, die es als erste schaffen. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht eine einzigartige Chance dazu bekommen, in unsere eigene Zukunft zu schauen. Totale Kontrolle über die Existenz im Raum, im Schoß einer Gottheit schnurrend gewärmt zu werden, wir alle haben das im Hinterkopf.

Vielleicht haben unsere Großeltern gelogen, weil sie Angst davor hatten, dass nur Angst allein uns daran hindert, einander zu zerfleischen, aber wir sind alle jetzt viel weiter: gib dem Menschen, was er will, und der Mensch lässt dich in Ruhe. Nein, doch, wir sind generell zufrieden, das würde ich am Ende doch behaupten.

Ich mein, wir strahlen seit was, 800 Jahren unsere Kultur ins All? Und von Anfang an sah es so aus, als würden wir mit Göttern leben und sprechen? Ich würde sagen, nachdem wir entweder ein paar Götter selber gebaut oder vielleicht sogar gefunden haben werden, geht es so richtig los! All die Dinge, die wir dann nicht mehr machen müssen! Und selbst wenn die TOW wieder zurückkommen, beim letzten Mal war ihr Interesse an uns rein göttlich missverständlich. Ob ich nun ein Knotenmonster sehe oder irgendwas anderes, Gott ist Gott, wenn ihr mich fragt.

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