Fragment aus 1724, 35. Epoche

Ihr wurde klar, dass es nicht darum ging, ob Haldanes Trost etwas Tatsächliches vorwegnahm, sondern was das für den Tod bedeutete. Oder vielmehr, was vom Tod noch übrigbleiben konnte.

Vor ihr breitete sich ein feines Geflecht im Raum aus, das sich langsam dem Auge schmeichelnd drehte und die Menge an Assoziationen ausgehend von einer Idee als Zentrum darstellen konnte. Zumindest oberhalb einer einstellbaren Schwelle, sonst unterscheiden sich die Assoziationsbüsche für einen Teppich nicht nennenswert von denen für einen Muskelkater.

Das Ganze war ein ausgeklügeltes Spiel für Freigeister und Leute wie sie: am Wissen der Menschheit interessiert, aber ohne zwischenmenschlichen Austausch zu brauchen. Sauber. Unbeobachtet. Vielleicht ein wenig verrückt.

Dinge, die wir im Dunkeln tun, dachte sie.

Sie gab als Ursprung der Assoziationen das Wort Unsterblichkeit vor und vergewisserte sich, dass Variationen eines gleichen Themas keine Berücksichtigung fanden. Das Geflecht wurde langsam mit feingliedrigen Auswüchsen bevölkert, deren Abstände vom Zentrum im gleichen Maße größer wurden, wie neue Begriffe dazukamen.

Und sie war erstaunt über einen gewissen Mangel an Kreativität, der sich abzuzeichnen begann: waren zunächst vielversprechende Ideen wie partielle körperliche Unsterblichkeit vertreten, wie HeLa, war die Tendenz zu definitiv magischen Ideen nicht zu ignorieren.

Auf der einen Seite war Stasis der Form, auf der anderen Stasis der Essenz, und dazwischen eine winzig kleine Oberfläche andersartiger Ideen. Sie fand, dass das Konstrukt eine gewisse Ähnlichkeit zu einer Sanduhr hatte. Sie klappte enttäuscht die beiden riesigen Enden als Variationen voneinander aus der Darstellung der Assoziationen weg. Hätte sie jemand gesehen, würde er ob ihres Gesichtes zusammenzucken: Kreativität ergriff von ihr Besitz.

Sie isolierte die einzigartigen Ideen und ließ sie eine wabernde Blase mit Unsterblichkeit als ihr Zentrum bilden.

Genau zwei boten sich ihr an, im Rest erkannte sie Unzulänglichkeiten des Programms hinsichtlich sehr kleinen Populationen von Assoziationen: abermals Variationen bereits existierender Ideen, nur unbeholfen formuliert. Doch diese zwei, diese zwei waren anders, auch wenn ihre Ähnlichkeiten sie klar miteinander verbanden.

Sie ließ sich beide vorlesen.

Wenn es um unendliche Unendlichkeiten geht, stellt sich uns die Frage danach, wie wahrscheinlich Ereignisse sind, deren Auftreten gegen Gesetze verstößt, die wir weder kennen, noch sich uns andeuten; ferner bedeutet diese Wahrscheinlichkeit dieser Ereignisse für uns zwei Ergebnisse.

Ergebnis eins führt zu einer Kosmologie, in der wir uns Dinge vorstellen können, die absolut unmöglich sind, was angesichts unserer Evolution zu einem vollständigen Versiegen des wissenschaftlichen Prozesses führt, da alle Grenzen fest sind (Der Käfig, siehe dort).

Ergebnis zwei führt hingegen zu einer Kosmologie, in der das Paradoxon das einzige Gesetz ist, und in welcher unsere Vorstellungskraft angesichts der Wirklichkeit verloren geht, und keine Erkenntnis möglich ist (Das Alles, siehe dort).

Anhand des Beispiels der Unsterblichkeit lassen sich diese Ergebnisse erläutern.

Das war nach ihrem Geschmack.

Im Ergebnis eins führt unsere Vorstellung von Unsterblichkeit dazu, dass wir uns technologische oder mystische Möglichkeiten vorstellen können, diesen nachgehen und diese umsetzen, wie auch praktizieren können, um diese Unsterblichkeit zu erreichen (Kryogenik, siehe dort; Mumifizierung, siehe dort), jedoch beispielsweise hier missverstehen, dass unsere Ideen von Unsterblichkeit angesichts der Entropie nicht nur ausschließlich unter einer extremen Form unwirtschaftlicher traditioneller oder technologischer Altlasten durchzuführen sind, sondern Unsterblichkeit nach der Abwesenheit biologischer Zellsysteme verlangt. Ist die Technologie weit genug fortgeschritten, lässt sich Unsterblichkeit nicht vom Tod unterscheiden. In diesem Szenario ist Unsterblichkeit nicht nur nicht für uns erreichbar, sondern sie ist nicht erreichbar, weil wir so sind, wie wir sind. Die Menschheit bleibt in sich selbst eingesperrt, weil sich die Wissenschaft nicht über diese Grenzen hinaus entwickeln kann (Nullsummenspiel-Kosmologie, siehe dort).

Es kam ihr so vor, als müsste sich das Programm konzentrieren. Wer hatte so etwas geschrieben?

Im Ergebnis zwei treten, stellvertretend für weitere Paradoxa, folgende drei Fakten gleichzeitig ein: wir leben in einem Universum, in dem es keine Unsterblichkeit gibt, wir leben in einem Universum, in dem es Unsterblichkeit gibt und wir werden in einem anderen Universum unsterblich sein, nachdem wir gestorben sind. Jedes dieser Fakten kennt wiederum so viele Permutationen, dass, je nach Person, bereits mit unserer momentanen Denkleistung die Permutationen nicht mehr als zusammengehörend erkannt werden können. Das bedeutet nicht nur, dass aus jedem einzelnen Ereignis der Kausalität Unsterblichkeit ableitbar wird, sondern gleichzeitig auch ihre Abwesenheit, wie auch ihre Verrückung in ein anderes Universum (Hilberts Hotel, siehe dort). In diesem Szenario ist Unsterblichkeit zwingend, jede Mythologie und jede Technologie führt zu Unsterblichkeit, führt nicht zu Unsterblichkeit und führt zu Unsterblichkeit, aber nicht in diesem Universum. Die Menschheit kann mit einer Kosmologie der zwingenden Paradoxie nicht umgehen, auch wenn das paradoxerweise für die Kosmologie keine Folgen hat, da alle Folgen inbegriffen sind.

Sie dachte nach. Sie dachte lange nach.

Dann betrachtete sie Haldanes Trost eine gute Stunde lang, während sie sich ihrer Position als jemand bewusstwurde, der auf den Schultern von Riesen stand: sie wollte lachen, weil sie das Gefühl hatte, dass sie etwas Verbotenes tun würde.

Und doch gab es keine Legitimation, außer dem Willen zum Dialog. Auch, wie hier, über Jahrtausende hinweg: ihre Antwort hätte sie genauso gut nach Andromeda schicken können. Endlich lachte sie über ihre eigene Scheu.

Aber das gilt auch für den Geist, der nach mir kommt—und nicht einmal mehr den Baum findet, der aus meinen Überresten erwuchs, schmunzelte sie.

Und sie fing an zu schreiben.

Angesichts der Anpassungsfähigkeit unseres Stammbaumes (Prä-Adaption, siehe dort, Stressoren, siehe dort), fallen beide Ergebnisse in vollständiger Symmetrie der Einfallslosigkeit zum Opfer, die unsere Spezies ausmacht: wir sind das, was wir erleben, wir denken, was wir begreifen (Stasis der Form, siehe dort, Stasis der Essenz, siehe dort), ungeachtet der subjektiven Assoziationen.

Die Spitzfindigkeiten zu Haldanes Trost gehen entweder davon aus, dass wir als Menschen Menschen bleiben müssen, um Menschen zu sein, oder aber menschliche Erkenntnis nicht möglich ist. Hier ist eine Wiederholung im Gange (Anthropisches Prinzip, siehe dort), die eine evolutionsbedingte Radiation sowohl uns als Spezies, als auch uns als Wissenschaftler ausschließt (Der Ewige Mensch, siehe dort), was kontrafaktisch ist: Expansion bedeutet Isolation, weil Kommunikation nicht neuronal erfolgt.

Ich schlage eine Überarbeitung dieser beiden einzigartigen Assoziationen zu Haldanes Trost string[0..-14] Unsterblichkeit und Einfügung in die große Dichotomie zu Haldanes Trost vor.

Sie versah ihren Kommentar mit ihrer Signatur. Aufregung machte sich in ihr breit, auch wenn sie wusste, dass diese unbefriedigt bleiben würde: zu groß waren die Abstände. Dennoch stellte sie sich vor, dass jemand auch Nachforschungen zum Trost machen würde, und wie erstaunlich es sein musste, plötzlich zu sehen, dass diese zwei Einträge neu kategorisiert worden sind. Vielleicht schon in 1.000 Jahren? Ach was, sagte sie sich, wenn ich schon diesen lächerlichen Tagträumen nachgehe, dann richtig: kurz vor ihrem Tod sollte ein knapp bekleidetes Prachtexemplar ihr die Nachricht bringen, dass jemand geantwortet hat! Ein Wunder, ein Wunder! Apotheose im Tod! Und was erst die Reaktion war!

Sie stellte sich vor, wie jemand auf die Ewigkeit der Dichotomie der Lebenden verwies, das nichts der Symmetrie aus Existenz und Transformation entgehen konnte, und der Mensch (würde es dann noch Menschen sein?, und sie kicherte ein wenig vor Aufregung) dieser erst dann sowohl entkommen, als auch sie aufbrechen können wird, wenn er seine Vergangenheit hinter sich lässt, in welcher Form auch immer. So oder so ähnlich, aber viel intelligenter, und wahrscheinlich, da war sie sich sicher, mit Beobachtungen, die sie jetzt noch gar nicht ahnen konnte. Welche „siehe dort“ es dann geben wird! Und wie diese sein werden!

In der Zwischenzeit war es sehr heiß geworden, und sie fragte sich, ob sie vielleicht ein wenig in den Schatten gehen oder lieber etwas zu trinken bestellen wollte. Ihr Sonnenschutz war noch aktiv, was ihre Laune noch etwas hob. Sie richtete sich langsam auf und musste an ihre eigene Mutter denken, weil ihre Bewegungen so sehr der ihrer Mutter glichen: langsam und ein wenig tattrig. Aber das war in ihrem Alter auch zu erwarten, Entropie war schließlich im Allgemeinen das Leben, und im Speziellen war Entropie auch ihr Leben.

Sie war Teil eines Systems, das sich als Apoptose der Wissenschaft, der Forschung und der Ideen verstand, der programmierte Zelltod von kühnen Ausuferungen, die auf den ersten Blick vielversprechend erschienen, deren Umsetzung jedoch zu einem Nettoverlust daran beteiligter Ressourcen führte. Unter ihresgleichen wurde sie zitiert, weil ihre besondere Form der Schadenfreude ihr eine Art Vogelperspektive gab, und sie deswegen sich nicht verwirren ließ.

Ohne sie würden nicht unbedeutende Zirkelschlüsse immer noch laufen, ständig bemüht, sich selbst von Phase zu Phase herüberzuretten, indem Wissenschaftler Vektoren dieser Zirkelschlüsse wurden: eine hochabstrakte Welt, in der schlechte Ideen Viren waren, und Gehirne ihre Wirte.
Eine Welt, in der die Weisungen der Eltern von Generation zu Generation gültig bleiben, mag auf den ersten Blick tröstlich sein, so viel gestand sie, aber getäuscht zu werden macht aus der Täuschung keinen besonders guten Trick, sondern zeigt lediglich, dass man viel einfältiger ist, als man bisher zu gestehen bereit gewesen war.

Als junges Mädchen hatte sie gelesen, dass man mit absolutem Argwohn denen begegnen sollte, die man versteht. Als alte Frau wusste sie, dass ihr ganzes Leben zu diesem einen Moment hier an diesem Strand, umgeben von hunderten anderer Sonnenanbeter, geführt hat. Ob sie Firewalls für Ideen schrieb, oder, wie jetzt, sich einen Eiskaffee mit einem großen Glas Eiswasser bestellte, ihr Herzschlag ließ sie wissen, dass sie zu einer ununterbrochenen Kette des Lebens gehörte, sie war Bindeglied zwischen ihren Eltern und ihren Kindern, und sie erschauderte: sie war der Tod der Vergangenheit und die Zukunft würde sie umbringen, mit dem gleichen Recht.

Doch hier, wo eine Kugel Vanilleeis auf ihrem Eiskaffee schwamm, hier war sie unsterblich, umgeben von der wahrscheinlich besten Party, an der sie jemals teilgenommen hatte, umgeben von Menschen, die, genau wie sie, ihre Nachfahren glauben machen werden, in Jahrmillionen, dass die Mythen der Vergangenheit sie alle prophezeit hatten: Götter, die das Chaos der Welt bändigten, es in Bahnen lenkten und das Paradies erschufen, wo nicht einmal der Tod sie finden konnte.

Zumindest stand das so ähnlich auf dem Flyer, mit dem sie sich schmunzelnd Luft ins Gesicht fächelte; vielleicht mit weniger Pathos und Glamour, zugegeben, aber wenn man so war wie sie, gestattete man sich regelmäßig eine Portion manischen Größenwahn (Gottmensch-Komplex, siehe dort).

Aus „Dionysos und seine Töchter: Götter schmecken wie Menschen“, Aufzeichnungen von Mütterchen Frost, private Sammlung. 1724, 35. Epoche

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.