Am Rande

Nicolas Dierks auf Twitter hat mir folgende Frage gestellt:

Das klingt interessant – meinst du, dass sowohl Unterversorgung als auch Überfülle an Informationen die eigene Freiheit hemmen können?

Kontext: Welchen philosophischen Gedanken willst du dieses Jahr besser verstehen?

Nach einem Spaziergang und Einkauf, versuche ich diese Frage jetzt und so, wie ich gerade bin, zu beantworten.

Als Erstsemester des Grafikdesignstudiums meine ich, dass Informationen aus Verarbeitungen von Sinneseindrücken, in Abhängigkeit von Vorwissen und anderen Sinneseindrücken, wie auch Erinnerungen und Mustern sind, sie sind also irgendwessen Aufwand der Sortierung, die man als Wahrnehmung bezeichnen kann. Je mehr und besser meine Arbeit als Grafikdesigner, sozusagen, mein Erfolg »gutes« Design zu erzeugen ist, desto weniger dieser Sortierarbeit fällt dem Rezipienten meines Designs zur Last. Wortwörtlich, denn nachdenken, sortieren, um dann erst wahrzunehmen, herauszufinden, was es ist, dass man durch die Sinne vermittelt bekommt, und was davon wichtig genug ist, dass es in den Brennpunkt des Bewusstseins, ins Zentrum der Aufmerksamkeit befördert wird, kostet Zeit und, tatsächlich, auch Kalorien. Habe ich meine Arbeit gut getan, dann muss kaum jemand mehr, außer mir und nach mir bei diesem Design noch nachdenken.

Alle Informationen, die relevant sind, werden in diesem Grenzfall ohne Fehler erfasst. Zu dem Fehler möchte ich später zurückkommen, aber als eben dieser Student sagen, dass zu wenige Informationen zu haben, das Wissen hemmen, auf jeden Fall das Wissen darüber, was man alles verstehen, erfahren, denken, fühlen, kurz gesagt, wie man alles Mensch sein kann. Eine Überfülle an Informationen verlangt hingegen nach den Kapazitäten einer oder vieler dedizierten Personen und derer Arbeit, sonst werden alle Informationen so lange gleichwertig behandelt, bis der Mensch die für ihn günstigste Variante selber herausfindet. Ob das aufgrund von Aufwand und Zeit und Kalorien zumutbar ist, kann ich nicht sagen, vermute aber, dass die Existenz meines Studienganges bedeutet, dass die Antwort auf die Zumutbarkeit ein »Nein« ist.

Als jemand, der gerade einkaufen gewesen ist, sieht es so aus: Cordon Bleu, Gemüsepommes, zwei Flaschen Wasser, Süßigkeiten. Oder: Essen und Trinken. Oder: Aufrechterhaltung meiner Existenz. Oder ich nenne die Produkte und ihre Marken. Oder weswegen ich glaube, das gekauft zu haben, was ich gekauft habe, und was ich vielleicht zuerst kaufen wollte, mich dann aber dagegen entschied. Meine Freiheit besteht darin, dass ich aus einer Fülle an Dingen Genuss erfahren kann, Dinge, die ich noch nicht ausprobiert habe, Dinge, die mir nicht schmecken (ein ganz eigener Genuss ist der Ekel und das Widerliche dieser Tage, weil beide nicht sofort zu Krankheit führen müssen); je größer die Informationen sind, die ich verarbeiten kann, desto bunter fällt mein Genuss aus. Würde es hier lediglich um irgendeine Form von maschinenartiger Rohstoffverbrennung gehen, gäbe es weder die Auswahl und die damit verbundenen, wie auch lockenden Informationen, noch meinen Geschmackssinn. Die Entscheidung für etwas, ist immer da. Manchmal dauert sie etwas.

An diesen Informationen finde ich interessant, dass eine Meisterschaft des Kochens darin besteht, alle Geschmacksklassen gleichzeitig gewissermaßen zu erwischen: das Essen schmeckt süß, salzig, bitter, sauer, umami, scharf, heiß, kalt, usf. Das volle Ausschöpfen des Geschmacksspektrums führt zu höchstem Genuss, bei absoluter Unfähigkeit zu beschreiben, nach was es schmeckt. Nach »allem« kann es nicht schmecken, selbst wenn diese Fantasie des Kochens unerreicht ist. Aber anscheinend schmeckt es nach nichts. Und das finde ich interessant: alles gleichzeitig und nichts sind hier ununterscheidbar, vielleicht deswegen identisch? Ich weiß es nicht. Ich meine, dass eine Überfülle an Informationen beim Essen und Trinken meinen Genuss bis zu meinem Lebensende ermöglicht, und für mich ist das eine Freiheit, die Freiheit des Neuen.

Dadurch, dass auch hier Fehler entstehen, entsteht Spannung: schlecht zubereitetes Essen, mieser Tag, Hormone oder Aberglaube können diesen Genuss nachhaltig verändern oder verhindern. Nicht jede potenzielle Freiheit des Genusses steht mir de facto frei. Hier meine ich, dass Informationen meine Freiheit erst ermöglichen und diese vergrößern, wenn auch die Informationen zunehmen, die ich erfahren kann.

Als jemand, der Gedichte schreibt, Kürzestgeschichten und bis dato unveröffentlichte Science Fiction-Kurzgeschichten, mache ich mir Gedanken darüber, was das Wissen von Allem bedeutet. Bedeutet es, dass man alles weiß oder bedeutet es vielmehr, dass man nichts mehr wissen kann? Wenn also, wie ich andernorts geschrieben hatte, alle Menschen das gleiche wüssten, zu irgendeinem Zeitpunkt, gäbe es dann noch Wissenszuwachs? Forschung? Kunst? Und wenn alle Menschen zu diesem Zeitpunkt alle über das gleiche Wissen verfügen würden, würde dann neue Information, neues Wissen allein dadurch schon entstehen können, dass Menschen fehlerhaft verteilt sind? Ich schlafe beispielsweise viel, heißt das, dass meine Informationen zu diesem Zeitpunkt der Gleichschaltung gleich wären? Wenn ja, wie könnte das dann wahr sein, obwohl ich doch schlafe? Wenn nein, weswegen wäre es dann eine Gleichschaltung? Der Unterschied, der durch Fehler zwischen Menschen entsteht und auch teilweise in Menschen entsteht, ermöglicht erst die Freiheit einer eigenen Identität, und sei sie auch nur durch eine anders gelegene räumliche Verteilung bedingt: zwei menschliche Körper können nicht dieselbe Raumzeit einnehmen, aber verschieden sein.

Wenn wir alle das gleiche wüssten, wüssten wir dann alles? Ich meine nein, daher meine ich auch dass nur eine Unterversorgung hier Freiheit hemmt, weil eine Gleichschaltung in diesem Szenario das gleiche bedeuten würde, wie eine Abwesenheit solcher Informationen. Eine Überfülle an Informationen bringt uns alle auf ganz neue Ideen, bei gleichzeitigem Erhalt alter nützlicher Ideen. Und das macht uns frei: dass wir uns ausbreiten können, über unsere angenommenen Grenzen hinaus, welche dann einfach mitverschoben werde nach außen.

Als jemand, der angefangen hat, sich in seiner Freizeit mit Philosophie auseinanderzusetzen, meine ich, dass es ganz darauf ankommt, was Freiheit für den einzelnen bedeutet und ob diese Person fehlerfrei Freiheit erklären kann. Nicht fehlerfrei wie in objektiv, sondern fehlerfrei wie verständlich: wenn du mir Freiheit erklärst, sieht mein Gehirn in diesem Moment wie deines aus. Ob das dann noch Freiheit ist, ist eine weitere Frage, die ich nicht beantworten kann, schließlich weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, von welcher Freiheit die Rede ist, was man schon daran sehen kann, dass ich verschiedene Funktionen von mir als Gerüst verwende, um die Frage daran festzumachen, sonst zerfällt alles, weil es alles sein kann oder nichts, und es dafür keinen Gedanken, geschweige denn Worte gibt, die ich dafür kenne oder hätte.

Und Letztenendes als jemand, der nichts über Physik weiß oder versteht, meine ich, dass, wenn im ganzen Universum und in jedem Universum alles zerfällt, alles zerfallen wird, alles zerfallen ist, dass also überall die gleichen Informationen vorliegen und keine Unterschiede mehr zu erkennen sind, wie auch nichts mehr da ist, dass etwas erkennen könnte, weil auch dies nach dem Unterschied zwischen Betrachter und Betrachtetem verlangt, worin wiederum Information liegen würde, wie ich denke, dann bedeutet das für mich folgendes: wenn alles gleich ist, dann ist alles eins, ohne zu sein und ohne Dasein und der Unterschied, den wir zwischen Existenz und Nichtexistenz machen, also der Unterschied zwischen der Singularität und dem Universum nach dem Urknall aus dieser Singularität, ist gänzlich unserer Unfähigkeit geschuldet, diese als identisch anzusehen. Das Universum ist nicht nach dem Urknall, es ist der Urknall, es ist die Singularität, es ist ich, wie ich das hier schreibe und ganz sachte dissoziiere und mich sehr irreal fühle, es ist du, der seine eigenen Gedanken dazu hat, es ist der Zerfall des letzten Protons, aber wir machen hier einen Unterschied, weil Information mit ihrer Abwesenheit gleichzusetzen, ist weder für unsere Leben nützlich, noch führt dieser Gedankengang woanders als in die Todessehnsucht hin, irrtümlich annehmend, man sei dann erst Teil von etwas, während man es schon längst ist.

Meine eigene Freiheit hat sich durch diesen Gedanken nun vergrößert, denn ich sehe jetzt, dass ich so denken kann. Gehemmt fühle ich mich höchstens durch die jetzt alles umfassende Furcht, die ich empfinde. Aber die geht vorbei, spätestens dann, wenn ich diesen Gedanken durch fehlerhaftes Erinnern wieder vergessen haben werde.

Und wie ich als Antwort auf Nicolas Dierks bereits auf Twitter schrieb, ich würde diesen philosophischen Gedanken im Laufe der nächsten Jahre besser verstehen, weil er mich auf verschiedene Weisen zum Denken anregt.

 

0090

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass die Geburtsschmerzen sich von einem Mann empfunden eher wie Kopfschmerzen anfühlen.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass den Männern »ebenbürtige« Frauen nur von Männern geboren werden können, während die auf den Widerstand verzichtende Gottfrau namens Hera, zugleich auch Schwester Zeus‘, stellvertretend, weil einem männlichen Gott angemessen, für alle Frauen das Ideal sein soll: lieber die Schwester, solange sie unterwürfig ist, hm? Das »damals« mancherorts Brauch gewesen sein soll. Mir dreht sich der Magen um.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass Kants Werk über die Aufklärung und die damit verbundene Reise aus der Unmündigkeit heraus so ungewöhnlich ist, weil es für sie die Idee in die Welt getragen hätte, dass auch Frauen nicht entmenschlicht werden sollten, dass es nur eine Idee von einem Mann hätte sein können auf der einen, und dass der Inhalt so ungewöhnlich ist, wie wenn einem Mann durch Kopfgeburt eine Frau entsteigen würde auf der anderen Seite. Man sollte—Verzeihung, Mann sollte Frauen dann ernst nehmen, wenn der innere Konflikt der Frau aus den Stimmen für Kampf und den Stimmen für Selbsterhaltungstrieb verhindert, dass sie sich zumindest dafür nicht töten lassen muss, und dass diese biomechanische Beschreibung mich jetzt auch schon stutzig macht, und auch wie leicht sie von mir als wertneutral eingestuft worden ist, ja fast schon als positiv.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass die Aufklärung vorbei sei, obwohl wir eine Jahreszahl in unseren Kalendern haben, die uns ermöglicht zu sagen, dass diese Geschichte über Athene allein von ihrer Namensprägung ausgehend seit des fiktiven Geburtsjahres eines fiktiven Mannes gerechnet-der als Nulldurchgang unserer kulturellen Zeitrechnung dient-1500 Jahre älter ist als die Geburt dieses Mannes, aber dafür für alle Menschen, die noch leben, unwahr ist.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass ihre eigenen Kopfgeburten zu und über fiktive Frauen durch die Jahrtausende hindurch eine relevante Information sind, die man doch durchaus wissen sollte, wenn man kultiviert sein lediglich möchte, aber diesem Ziel durch keine Handlung näher zu kommen bereit ist.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass nur eine Göttin dann einem Mann ebenbürtig wird, wenn die Göttin für ihn weniger attraktiv durch breitere Schultern, schmalere Hüften und nicht fortlaufende Nacktheit wird—Pardon, einem Gott ebenbürtig wird. Für ihn als sterblichen Nicht-Gott würde diese Göttin ja noch reichen. Gerade noch so. Für ihn.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass der Zustand einer stets bekleideten und wehrsamen Gott-Frau ein gutes Symbol für eine Stadt ist, weil der Bekleidungszustand einer Frau in den Köpfen dieser Männer darüber entscheidet, ob eine Stadt ihren Ansprüchen an die Umgangsweise genügt, wie jemand behandelt werden darf, weil er eine Frau ist. Verzeihung, hier fehlt noch: und auch noch heutzutage sehen Männer dies als pikantes Detail einer Reise in ein anderes Land an, wie Frauen »dort« behandelt werden, schließlich muss man ja nicht bleiben, wenn es einem nicht gefällt. Wildnispark (umzäumte Areale) der Kulturen.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass nichts problematisch daran ist, dass sie noch nie einen Satz, der mit den Worten »Männer, die hier allein und einsam unterwegs sind, sollten..« anfing, wahrgenommen oder selbst gedanklich formuliert und subvokalisiert haben, der nicht in einer für Männer lohnenswert erscheinenden Gelegenheit zum Befriedigen ihrer Gelüste endete, während Frauen eher mit diesen Worten eine Warnung ausgesprochen wird, weil sie das sonst ja anscheinend nicht selber wüssten.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass erst wenn Männer Frauen als ebenbürtig ansehen, beginnen Frauen der Geschichte in der Geschichte aufzutauchen, weil sie plötzlich die Ansprüche der Männer doch erfüllten, Ansprüche daran, wer entscheidet wer mündig ist und dass es Frauen schonmal nicht sein können: viel wichtiger erscheint ihnen da die Frage, ob Frauen auch den gleichen Wert wie Männer haben, oder doch einen geringeren. Weil das eine Streitfrage war. Und nach wie vor ist.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass man Frauen ein Kompliment macht, indem man sie mit anderen Frauen vergleicht, die die Männer respektieren im Idealfall, und sie beleidigt, wenn man sie mit Frauen vergleicht, die von diesen Männern als beneath their status angesehen werden, und dass im Falle des Komplimentes die Männer auch etwas zurückbekommen. Stell sich das mal einer vor: »Ich bin nett zu dir und damit musst du mir auch was geben, das gehört sich so. Mir tut es Leid, Schatz. Können wir das jetzt vergessen, ich hab mich doch schon entschuldigt, oder nicht?«—alle anderen, eben bis auf den einen, der sich das gerade vorgestellt hat, weil er es sich erst vorstellen musste (und konnte), haben mich schon verstanden, aber vielleicht sich selbst noch nicht, hoffentlich zumindest nicht, denn sonst würde es eine unnötige Differenzierung zwischen denen, die so etwas tun und denken und jenen, die es lediglich tun, geben. Gedankenloser als sie bereits ist, könnte diese Missetat nicht sein, sie steht an der Spitze ganz für sich allein.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass das Frauenbild eine Erfindung der Männer ist, an welches sich Frauen anpassen müssen, sie müssen dazu ja nicht mündig sein, ganz im Gegenteil, Unmündigkeit ist Teil eines jeden Frauenbildes, schließlich muss ein Mann es einer Frau erst sagen, dass sie mündig ist oder dass sie jetzt schon das ideale Frauenbild erfüllt, so als ob du als Mann zuerst eine Grenze überschreiten müsstest, denn ehe das Frauenbild erreicht wird, kannst du einer Frau anscheinend unzählige Gnaden zuteil werden lassen als Mann, und von diesen Gnaden die höchste Gnade ist es dann, wenn die Frau das Ideal, das der Mann von Frauen hat, erfüllt. Soso, er würde also alles für eine Frau tun, bereitwillig, wie er sagt, wenn diese so und so wäre, ach, Moment, er hat dazu eine Einkaufsliste, wie seine ideale Frau zu sein hat, um seine ideale Frau zu sein. Weil er sich darüber schon Gedanken gemacht hat, wie an der Fleischtheke.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass eine Frau eine Gottheit sein darf, wenn man die Männer dazu befragt, dann auch noch ausgerechnet eine Gottheit der Kunst und Wissenschaft, so als gäbe es mindestens ebenso wichtiges oder reales außerhalb von Kunst und Wissenschaft. Beispielsweise scheint es hier mindestens ebenso wichtig zu sein, dass Athene die Göttin der Kunst und der Wissenschaft ist, wie zu wissen, dass sie aus Zeus‘ Stirn entstieg. Sozusagen erreicht eine Frau ihre Ziele dann viel leichter, wenn sich Männer nicht dazu entscheiden, ihnen im Weg zu sein. Revolutionäre Vorstellung? Nun, die Aufklärung ist nach wie vor im Gange. Beispielsweise ist die Aufklärung gerade in mir im Gange und ich weiß jetzt, dass ich unermesslich dumm bin. So dumm, dass ich mir nichts vorstellen kann. Ich kenne keine Worte für das, was ich mir nicht vorstellen kann, weil ich dafür keine Bilder habe.

Athene entstieg Zeus‘ Stirn, weil Männer glauben, dass der Umstand, dass ein Mann diese Zeilen hier niederschrieb, weil er bemerkte, dass er nicht in der Lage ist, den Verstand und die mental vastness seiner Freundin zu beschreiben und zu erfassen, erwähnt werden sollte, denn hier schreibt ein Mann etwas Positives über Frauen oder versucht es zumindest, das ist doch auch schon was wert, oder?—so oder so ähnlich hieße es dann für die meiste Zeit der Bekanntheit von und Vertrautheit mit einer solchen Geschichte, und bevor ich da dessen schuldig werde und obwohl ich doch gerne dessen schuldig werden würde, sage ich es lieber selbst hier, dass ich ein Mann bin, der hier zu denken versucht, aufklärerisch für sich selbst, und mache mich damit wohl zum Kasper jener, deren Meinung zu dem Geschriebenen  vor meinem Geschlechtsbekenntnis bereits einen qualitativen Einfluss durch mein Geschlecht erfuhr. Vielleicht wird man so zitiersicher? Schreibt seine eigenen Artikel zu den eigenen Produkten, so ähnlich wie das Patriarchat sich als etwas anderes als ein Patriarchat ausgibt, solange es auf ein anderes Patriarchat zeigen kann, deren Frauen so und so angezogen sind, weil ihre Männer sie unterwerfen.

Athene übernahm den Namen der von ihr im Spiel durch ein durch Zeus eingeleitetes Ungeschick getöteten Pallas mit zu ihrem Namen dazu, als Pallas Athene fortan benannt und fertigte ein Schnitzbild von Pallas an, zu ihrem Gedenken. Oder war es doch Pallas, die den Namen Pallas Athene annahm und die Namen sind vertauscht? Wie dem auch sei, es gibt Schnitzereien jener Schnitzerei, welche genausowenig existiert wie Pallas. Oder Athene. Nicht beide gleichzeitig, weil nicht im gleichen Maße.

Denn nur weil Athene Pallas getötet hat, heißt es nicht, dass sie wertvoller oder besser war als sie. Deswegen wird sie auch zu ihr.

*Micdrop*


Creative Commons Lizenzvertrag
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Posergangs: Von Cyberpunks, Demagogen und Sprache

Posergang: any group whose members all affect a specific look, style or bodysculpt job.

The Kennedys: The Kennedys are a typical posergang. Posers adopt the clone look for protection (one Kennedy looks just like another), identification and impact (twenty JFKs are a pretty scary sight). These gangs center on recreating their own bizzare interpretations of their heroes; for example, the Kennedy’s Hyannisport Weekends, where all four hundred members descend on a location for a weeklong orgy of destruction.

—Cyberpunk 2020, Einträge zu Posergangs

Im Online ist es schwer genug, gegen einen Demagogen auf der Plattform einer Debatte zu gewinnen, denn es gibt niemanden, der darüber entscheidet, ob und wer diese Debatte gewonnen hat. Fragt man den Demagogen und seinen Kontrahenten, antworten beide, dass es klar sie selbst waren.

Aber die echte Schwierigkeit kommt aus der Absicht des Demagogen, und dann wird es unerträglich: man stelle sich eine sogenannte Posergang vor, die aber nicht durch ihre Erscheinung ihre Identität untereinander vermengt und homogenisiert, indem sie so aussehen, wie der Demagoge, sondern so reden wie er.

Dann stelle man sich vor, dass man die eine Diskussion mit dem Demagogen plötzlich dann in hundertfacher Variation erneut führen muss.
Ein Sperrfeuer aus verstandloser Wiederholung der immer gleichen auswendig gelernten Sätze. Und jeder dieser Poser ist dann dieser Demagoge.

Niemand hat dafür Zeit. Niemanden interessieren Demagogen mehr.

Demagogen sind vorbei. Wer als Poser leben will, ohne eigene Identität, darf von jedem als Idiot bezeichnet werden, und auch als unmündiger Idiot obendrein.

Wenn das Beste an dir die Eigenschaften einer anderen Person sind, dann hast du es aufgegeben, ein Mensch zu sein.
Wenn du dann aber auch noch zustimmst, dass dies dein Bestes ist, dann bist du nicht einmal mehr eine Person.

Den unzähligen und identitätslosen Arschlöchern gewidmet, die sich um Jordan Peterson—seines Zeichens ein Anhänger weltfremder und wissenschaftlich überholter, wie auch falscher Ideen—scharen.

Auch eure Zeit ist abgelaufen.

0089

Der plumpste Mensch sagt unglaublich verletzende Dinge über jemanden, in einer Rohheit, die an ein Raubtier denken lässt, und sich auch wie eine Verletzung durch ein derartiges Raubtier anfühlt, und bildet sich dann auch noch ein, dass er besonders scharfsinnig, fast schon telepathisch ist, im Aussprechen dieser zerfetzenden Worte ist.

Was sonst sollte man denn auch über jemanden sagen, der das Verletzen anderer Menschen als eine Art kultivierte Meisterschaft seiner eigenen Person ansieht? Außer »plump«?

 

Werktstattbericht vom 22.01.2018

Die Fantasie, dass ich intelligent bin, dass ich etwas weiß, dieser Traum hat mich daran gehindert, tatsächlich etwas zu lernen, etwas verstehen zu lernen, zu lernen, was es bedeutet, etwas immer deutlicher zu begreifen.

Ich hoffe, dass ich weiter an meiner eigenen Herausforderung an mich selbst, 1.000 mal eine Kürzestgeschichte zu schreiben, dranbleibe.

Dazu gesellen sich dieses Jahr noch zwei weitere Projekte, über die ich noch nichts verraten möchte, weil ich mir selbst gegenüber zutiefst misstrauisch bin. Nur eines kann ich sagen, ohne es sofort zu bereuen: beide Projekte verlangen nach Lerneifer, um sich gegen meine Ignoranz durchzusetzen.

0088

Diese Familie erreichte kaum bekannte Meisterschaft darin, Imitate zu suchen und zu besitzen: die Getränke, die Kleidung, die Literatur, die Musik, ja, sogar ihr eigenes Verhalten, ihre Neurochemie, ihr Essen selbst bestand aus Imitaten, die man nur auf den ersten, einen flüchtigsten Blick mit dem Original hätte verwechseln können. Ich fing an mich zu wundern, ob nicht auch ihre Zellen, ihr Erbgut, ihre Elementarteilchen selbst, auch schon Imitate waren. Und in all dieser Imitation, in dieser perfekten Schauspielerei der minderen Ästhetik, befand sich trotzdem eine Familie aus liebenden Menschen. Was also war der Unterschied zwischen der Maske und dem Gesicht darunter, wenn nicht einer der Semantik? Wenn man das Imitat begehrt, wie sollte man das Original dann begehren? Man setzt sich auch nicht zufällig eine Maske auf.

0087

So wie nicht jeder Haushalt sich während der 50er des letzten Jahrhunderts den Kauf, den Besitz von Büchern gestattete, welche hierzulande das Wiedererlernen der Kultur und Kultiviertheit ermöglichten, den Umgang miteinander in feinem Ritual, genauso sind unsere Pädagogen und Lehrer auch heute noch dabei damit zu experimentieren, wie man den Deutschen lehrt, Mensch bleiben zu wollen, in seiner eigenen Göttlichkeit, und den Gedanken daran nach Geisteskräften knebelt, dass hier ein Unrecht geschieht. Kultiviert man den letzten Barbaren, geht man so weit, oder ruft man ein »Gut Genug!« und lässt den Irren ihre Gewalt und ihre Autokennzeichen?
Hält man die totale Zivilisation für einen Fehler, so haben wir noch viel zu tun, ist das Gut Genug noch in weitester Ferne, hinter dem Horizont. Wir lernen immer noch, wie wir am Besten miteinander spielen können und jene Barbarei ist nicht eine, mit der wir leben könnten.

Gelesen: Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe.

Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe.Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe. by Józef Maria Bocheński
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Ob es an dem Autor, an des Autors Liebe zu Whitehead, oder aber an dem Verlag liegt: der eigene Standpunkt dieses einführenden Überblickes über die Philosophie zur Zeit des Autors ist nicht zu überlesen, und steigert sich im letzten Kapitel zum Geheimwissen. Als Einstieg ganz okay, da man hier schnell das Widersprechen, wie auch den Ungehorsam, üben kann.

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