0050

Kafka, Wilde, Nietzsche, Dostojewski, Goethe und Brecht haben schöne Rücken. Ich weiß nicht, ob ich mich selbst wieder zusammenreißen kann, nachdem ich sie aufgeschlagen habe. Vielleicht stehen sie besser in meinem Regal, vielleicht bleiben sie lieber in meinem Regal, und betreten nie meine Gefilde des Inneren. Was macht man mit hohen Gästen oder mit Innenwelten, wenn sie einander nicht zusagen? Kann man einem Toten gefallen? Kann man Tote rausschmeißen? Auch heute haben sie schöne Rücken, aber ich fürchte, Dostojewski will jetzt schon sich in meinem Idioten umsehen. Nur kurz?

0049

»Das emergente Phänomen des Lebens ist die Auslöschung. Sämtliches Leben auf diesem Planeten ist ein Null-Summen-Spiel. Als Konsequenz dieser beiden Rahmenbedingungen, existiert lediglich die Transformation von Materie von einem Zusammenhang in einen anderen. Der Erfolg irgendeiner Spezies muss im ersten Schritt durch die Transformation aller anderen Spezies erfolgen, um dann im nachfolgenden Schritt als Untergang und Zerfall dieser Spezies seine Vollendung zu finden. Hinter unserer angeblichen Zerstörung der Natur steckt weder Wille, noch Fahrlässigkeit oder gar Dummheit, sondern eine ständige Wiederholung der gleichen Transformation: der Versuch, alle Materie in den gleichen Zusammenhang zu bringen.«
Er blickte von den Worten auf.
»Hast du das geschrieben? Ich will das jemandem zeigen.«
Das Gefühl der Verblüffung machte sich in ihm breit und er begriff, weswegen sie ihm das zu lesen gegeben hatte.
»Ich kann das niemandem zeigen.«
»Weil es niemand verstehen würde, ja.«
Sie nickte und deutete mit einer Hand in Richtung Blech.
»Noch ein Stück Kuchen?«, fragte sie.
»Ja, aber unter diesen Bedingungen sehe ich den Kuchen mit ganz anderen Augen. Ja, bitte.«
»Mach dir keine Sorgen, das geht nie wieder vorbei.«
Sie aßen zusammen noch von der Donauwelle. Zwei Vögelchen, die den Käfig bemerkt hatten, außerhalb dessen das Ende höchstselbst einer Katze gleich herumschlich.

0048

Tina sagte zu mir, dass ein jeder Mensch sich ein paar dutzend Polohemden von Rudolf Lorbeer für den Preis einer einzigen Jacke von BazaarDemon kaufen könnte. Und hier lag aller Zynismus der Welt offen in dieser Tatsache des Konsums: je weiter weg man von sich selbst schritt, desto eher konnte man bei anderen Eindruck schinden. Der Gipfel wäre natürlich, sich seine Kleider selber zu machen: dann wäre man endlich völlig man selbst und deswegen absolut nichts wert, weil das einem andere nicht nachmachen könnten.


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0047

Im Dunkeln singe ich, im Dunkeln verlasse ich das Haus. Im Dunkeln repariere ich das Schloss am Gartentor, setze Drücker ein. Im Dunkeln beißt das Eisen die Finger, im Dunkeln seh ich meinen Atem. Im Dunkeln, ja im Dunkeln, da bin ich wach; scheint die Sonne, schließe ich meine Augen und lasse mich herzen und drücken von Wärme und Licht. Nur im Dunkeln, nein, da brauch ich nur mich.


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0046

Der Engel auf deiner Schulter sagt, dass es nichts zu verstehen gibt, dass alles bedeutungslos ist. Der Teufel auf deiner anderen Schulter sagt, dass es einen tieferen Sinn gibt, den du fast begreifst. Ich rüttel noch ein letztes Mal an dir und sehe an deinem glasigen Blick, dass ich dich aufgeben kann, trete dich bei dem nächsten Brecher in die See. Ich hatte noch nie viel für sprechende Affen übrig, auf jeden Fall nicht hier, wenn ich den Horizont der Ewigkeit schon erahnen kann, während du versinkst wie ein Stein.

0045

Außerordentlich schwer fiel es, zu verstehen, dass hinter der Freundlichkeit die Drohung einer geballten Faust, von Zahn und Klaue stand.
Und wehe du bist nicht im gleichen Maße freundlich zu mir, erschlagen will ich dich dann, erschlagen werde ich dich dann, hinterrücks, weil ich nach Regeln spiele, die ich niemandem erkläre!
Außerordentlich schwer fallen viele Dinge denen Menschen, die dem Wahn ihrer eigenen Menschlichkeit zum Opfer fallen.

Hier, endlich, beginnt die Sünde.

0043

Das Fatale an der Depression ist, dass sie nicht wie ein Papierkorb voller Taschentücher und missglückter Kurzgeschichten ist. Sie ist sogar so wenig wie ein Papierkorb voll mit Rotze und persönlichem Versagen, dass ein Vergleich mit einem eben solchen Papierkorb völlig künstlich wirkt, weil er künstlich ist. Vielleicht ist die Depression deswegen nicht wie dieser Papierkorb, weil man diesen Papierkorb einfach als Tatsache des Lebens im Winter entleert, sobald er überläuft, anstatt den Papierkorb—mit den Worten »Das ist mein Leben« im Kopf—wie hypnotisiert anzustarren.


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0042

Wie das damals so war, wusste ich nicht, dass an dem gleichen Partywochenende irgendwo im Schwarzwald, zwei Ankerpunkte meiner späteren Nostalgie gelegt werden würden. Die Familie, deren Tochter die eine Hälfte der Party veranstaltete, war im Besitz eines sagenhaften Albums, auf dem das Daxophon in vielen Arrangements gespielt wurde. Wir Teenager saßen damals teilweise lachend, teilweise kopfschüttelnd im Wohnzimmer dieser Familie und hörten Klänge, die zwischen Geschrei, Stöhnen und anderen, bauchwärts gelegenen Geräuschen lagen. Ich war bezaubert, das kann ich sagen. Doch wie alle Dinge, die neu sind, bleiben sie nur kurz neu, und heute ist die Erinnerung an dieses Daxophon beladen mit mehr als nur sich selbst.

Und dann, der zweite Punkt, war, wie ich gegenüber zwei mir unbekannten Freunden durch einen mir damals wichtigen und herzlichen Freund—der für die zweite Hälfte der Party verantwortlich war—als jemand vorgestellt wurde, dessen nachbarliche Hilfsbereitschaft, Kameradschaft und Nächstenliebe in einem Spitznamen gipfelte, mit dem ich dieses ganze Wochenende, aber auch gewisse Wahrheiten über mich selbst in Verbindung bringe, die ich nicht mehr greife: »Salz und Brot« wurde ich von den beiden dann genannt, und nicht nur wegen meines Haars, das irgendwo zwischen Headbanger und Jesus lag.

Ich streiche mir durch meinen Haarausfall. Daxophon. Salz und Brot. Haare?

Der Rest der Party war absolut katastrophal. Aber diese beiden Dinge, yeah, die waren gut.


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0041

Ihre Hand wurde zu Stein, und ihr Herz zu Gift. Sie wusste, dass die schlimmste Sklaverei diese ist, gegen die man sich nicht wehren kann, indem man seine Herren erschlägt. In hundert schreienden Gesichtern sah sie die, an die sie nicht herankam. In ihren toten Augen fand sie eine Freiheit, die nur angekettete Hunde fühlen: wenigstens das blieb ihr, der Tod auf Befehl.