0069

Sie drehte sich zu mir um, eine Hand ihr schlankes Glas an ihrem Hals wiegend.

»Solange du nicht selbst etwas erfindest, erschaffst oder ersinnst, ist alles, was du weißt und jemals erfahren wirst, jemandes anderen Vereinfachung des tiefsten Verständnisses seiner eigenen Schöpfung.«
Sie fuhr fort, und ich kramte in meiner Handtasche nach meinem kleinen Notizblock mit der einen Hand, um das irgendwie zu notieren, während ich mit ausgestrecktem Finger in der Luft fuchtelnd versuchte, sie langsamer sprechen zu lassen, ohne es ihr mittels meiner »Oh, oh«s vermitteln zu können.
Konnte ich es mir merken? Ich fand meine Hand um einen Lippenstift umschlossen wieder vor, als ich leicht zuckte, und mein Bewusstsein in meinen Körper zurückzukehren schien. Ich nahm meine Hand aus meiner Handtasche, ließ den anderen Arm sinken.
»Du gehörst vielleicht zu den Leuten, die sofort über etwas gelesenes, das ihnen neu vorkommt, nachdenken? Oder etwas gehörtes? Du versuchst sozusagen herauszufinden, fühlend, beißend, nagend, saugend, was das ist, weil, neu, das ist es. Ich weiß nicht, kannst du dir das vorstellen?«
Ich nickte und ich wusste, dass sie es nicht bemerkte, so wenig war ich mir selbst plötzlich noch erkennbar in ihrer Gegenwart.
»Wie dem auch sei, schau bitte, dass unsere Genies und Wunderkinder mehr Anerkennung finden als die, die ständig das gleiche wiederholend glauben, es gäbe da einen Gewinner, der nicht von dem nächstbesseren geschlagen werden würde. Weißt du, das ist langweilig, hin und her. Lobe lieber das Genie, das der Welt eine einzigartige Wahrheit schenkt, und selbst wenn sie in Gruppen arbeiten sollten!«
Als sie die Augen schloss, wusste ich, dass ich gehen durfte. Ich drehte mich um. Schwitzte ich? Als ihre Stimme noch ein letztes Mal erklang, war ich bereits halb durch die Tür.
»Vergiss nicht, alles was du nicht selbst erfunden hast, weißt du vereinfacht von den anderen.«
Ich rannte raus in den Gang. Raus ins aus edlem Holz gewundene Treppenhaus. Raus aus dem Gebäude, raus in strömenden, kalten Regen. Ich fand, kurz vor der Panik wurde man so seltsam ruhig, als ob das Gehirn darauf wartet, dass gewisse Schalter in die richtige Position gedreht werden, wie bei einem Zahlenschloss.
Ich fluchte, während ich in mein Auto stieg und die Tür verriegelte. Würde das überhaupt noch helfen?
»Shitshitshitshit, das war eine von ihnen, oh Gott, ich muss mir das aufschreiben.«


Am Ende stammelte sie folgende Sätze in die Diktiergerät-Software ihres Handys, die ihr am nächsten Tag außer Verwirrung und der Vermutung von »irgendwas in dem Drink«, den sie zur Begrüßung erhalten hatte, nichts einbrachten:
»—sus. Das war sie, die Erkenntnis, was es bedeutet—nein, hahahaha, scheiße, ich mein, das Problem heißt ja nicht sofort Problem, nein, nein, nein, neinneinnein, die Erkenntnis ist ja auch nur ihre Ansicht (lange Pause). Erkenntnis. Problem. Ist. (schluchzen)«

Was auch immer es war, sie kam nicht mehr drauf. Und dass sie gestern einer Muse begegnet war, fiel ihr auch nie wieder ein.


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